Erzählung von André Maurois

Seit vierzig Jahren waren Lord und Lady Barchester verheiratet und seit vierzig Jahren bewohnten sie im Park Lane ein vornehmes Haus. Nach vierzig Jahren traten jedoch finanzielle Schwierigkeiten ein. Weil einer ihrer Söhne gefallen war, mußten sie nun noch für den Unterhalt seiner Familie sorgen. Kurzum, Lord Barchester mußte bald einsehen, daß es ihm unmöglich war, neben seinem Familiensitz in Sussex das Haus im Park Lane zu halten. Lange zögerte er, dann sprach er mit seiner Frau.

Es fiel ihm nicht leicht, ihr Kummer zu bereiten. Vor dreißig Jahren allerdings, da war es in ihrer Ehe noch stürmisch hergegangen. Beide hatten ihre eigenen Wege gesucht und nicht viel nach einander gefragt. Aber mit dem Alter war Beruhigung eingetreten, Nachsicht, ja eine gewisse Zärtlichkeit.

"Meine Liebe", sagte er zu ihr, "du weißt, in welch schwieriger Zeit wir leben. Nun möchte Herr T., unser Nachbar, das Park-Lane-Grundstück kaufen. Für einen so erstaunlich hohen Preis, daß wir die Jährchen, die wir noch zu leben haben, unser gutes Auskommen hätten ..."

Lady Barchester willigte ein, und bald darauf bezogen sie ein anderes Haus in der Nähe, während Arbeiter begannen, ihren alten Wohnsitz abzureißen.

Lord und Lady Barchester gingen jeden Tag in dieser Gegend spazieren, und wenn sie an ihrer Villa vorüberkamen, wurden sie betrübt, weil sie sehen mußten, wie nach und nach die Stätte verschwand, in der sie vier Jahrzehnte gewohnt hatten, ohne daß sie sich eigentlich klar darüber geworden waren, wie sehr dieses Haus das Fundament ihres Daseins war. Als sie ihr Haus ohne Dach sahen, hatten sie die Empfindung, als ob sie nun selbst jedem Wind und Regen ausgesetzt wären.

Besonders litt die Lady in dem Augenblick, in dem die Spitzhacke ihr eigenes Boudoir, in dem sie die meisten Stunden ihres Lebens verbracht hatte, freilegte. Es war ihr, als ob nun Unberufene ihr eigenes intimes Leben sehen könnten. Mit Wehmut betrachtete sie von der Straße aus den glänzenden Chintz, mit dem die Wände ihres Zimmers tapeziert waren. O wie oft hatte sie das Muster angesehen, in traurigen und vergnüglichen Stunden! Einige Tage später empfand sie eine große Überraschung: Die Arbeiter hatten den Chintz abgerissen, und nun waren Stücke einer schwarz-weißen Tapete zum Vorschein gekommen, deren Anblick sie an eine bestimmte Affäre erinnerte: an ihre Liebschaft mit Harry Webb, diesem Harry, der so zärtliche Briefe aus dem Fernen Osten schrieb und der heute Gesandter Seiner Majestät in Spanien war.