Chr. E. L. Frankfurt, Ende Oktober

Nur die Raumschiffahrt habe ich noch nicht ausprobiert; sonst bin ich schon auf jede Weise gereist: mit dem Rucksack, mit dem Fahrrad, per Anhalter, mit dem Motorrad, mit dem Flugzeug. Alles ist schön, aber das Flugzeug ist am schönsten." Der Sprecher ist neunzehn Jahre alt, Gymnasiast in Köln. Er war in England, in Frankreich, in Italien (nur noch nicht in Berlin). Er tritt als perfekter Globetrotter auf. Aber versteht er wirklich etwas vom Reisen? Das wird ihm abgestritten. "Du sprichst immer nur von der Fortbewegung", halten ihm die anderen vor, "du vergißt die Menschen. Wenn wir reisen, wollen wir andere Menschen kennenlernen. Vom Flugzeug aus siehst du nur winzige Pünktchen, die sich bewegen – oder nur Wolken. Ist das noch Reisen?"

Am Nebentisch sitzt eine Oberprimanerin, die mit so vielen Erfahrungen nicht aufwarten kann. "Ich bin heute zum erstenmal zweiter Klasse gefahren, von Wuppertal nach Frankfurt. Jetzt weiß ich, was Reisen heißt ..." Wir Älteren finden das rührend und gar nicht so unzutreffend bemerkt. Aber bei den Altersgefährten hat sie keinen Anklang. "Sich auf ein Polster setzen kann jeder, wenn er das Geld dazu hat oder eingeladen ist. Das ist keine Kunst. Die Kunst des Reisens ist, sich vom Komfort freizumachen."

Drei Stunden lang gehen die Gespräche hin und her, zunächst mit angekündigter Zwanglosigkeit an kleinen Tischen bei Kaffee und Kuchen, dann bei einer arrangierten Diskussion über "Die Kunst des Reisens". Und zwar handelte es sich um ein "Mittwochs-Gespräch", das der Kölner Bahnhofsbuchhändler Ludwig mit Unterstützung der Bundesbahnbehörde diesmal in Frankfurt am Main veranstaltete. Drei Stunden lang kamen Neunzehnjährige zu Wort – und-nicht einmal fiel der Ausdruck "wandern"; nur einmal war davon die Rede, daß "wir auf Fahrt gehen".

Die deutsche Jugendbewegung hat einst als fahrendes Scholarentum begonnen. Eben gerade erscheint im Voggenreiter-Verlag (dem alten Verlag der "Freideutschen Jugend") ein sehr lesenswertes Schriftchen (es heißt "Karl Fischers Tat und Untergang"), in dem Hans Blüher, der grand old man der Jugendbewegung, erzählt, wie revolutionär das war, als um 1900 die Steglitzer Oberprimaner den "Wandervogel" gründeten und mit der Klampfe, aber Zigaretten, Wein und Bier als bourgeoise Dekadenzprodukte verschmähend, die Wälder durchschritten, Hochgefühle einer neuen Zeit im Herzen und zutiefst davon durchdrungen, daß sie mit ihren Fahrten "Geschichte machen" würden. Dies Stück Geschichte ist nun ganz historisch geworden.

Nach der Diskussion saßen wir wieder mit den Oberprimanern und Oberprimanerinnen aus Köln, aus Wuppertal, aus Hamburg, aus Stuttgart, aus München, aus Trier und anderen deutschen Städten zusammen – auch aus Steglitz waren zwei dabei. Bei Wein oder Bier und Zigaretten und manch anderem bourgeoisen Komfort, von dem die jungen Leute sich frei gemacht haben, indem sie sich seiner zu freuen wissen. Um dreiviertel zehn mußte dann der Gastgeber ankündigen, daß der Tag zu Ende sei. "Die Jugendherberge schließt leider um zehn." Dieser Satz war allerletzte Erinnerung an die große Zeit der großen Fahrten – eine etwas ärgeiliche Erinnerung. Denn der Wein war gut, und die jungen Leute hatten nichts mehr von dem seltsamen Ehrgeiz der einstigen Jugendbewegten: "ohne Erwachsene unter sich zu sein".

Waren die "Maturitätsaspiranten", die hier in den komfortablen Gaststätten des Frankfurter Hauptbahnhofs während eines "Mittwochs-Gesprächs" über die Kunst des Reisens getestet wurden, repräsentativ für den Durchschnitt der Neunzehnjährigen? Sie waren eher eine Elite (aber auch die erste Generation der "Jugendbewegten" war ja eine Elite). Man hatte sie ausgewählt nach Intelligenz (bezeugt durch Leistungen im deutschen Aufsatz) und nach Reiseerfahrung. Beides bestätigte sich bei den Gesprächen, und so mag der Test stichhaltig ausgefallen sein.