Von Jan Molitor

Da marschierten sie also wieder, und Fahnen wehten über der kleinen Stadt Verden, die bekannt ist, weil der tausendjährige Dom dort steht, weil viele Pferderennen dort veranstaltet werden und weil es dort im Herbst die Falkenbeize gibt. Und stand nicht Remer, der zackige Alt- und Neofaschist, in Verden zum ersten Male vor seinen Richtern, die ihn wegen Beleidigung des Kanzlers verurteilten, und vor einem Gerichtspublikum, das dem Verurteilten deutlich genug seine Sympathie bezeigte? Und nun also marschierte die Waffen-SS in Verden, marschierte zum ersten Male seit dem Kriege, und voran zog das Verdener Trompeter-Orchester, bekannt als die beste zivile Militärkapelle Norddeutschlands ...

Aber wer den germanischen Furor witterte, der konnte sich dadurch trösten lassen, daß die Fahnen schwarz-rot-gold waren. Sie wehten zum "Tag der Kriegsgefangenen"; und mochte die "Gulaschkanone", die vor dem Rathaus aufgefahren war, auch an den Krieg erinnern, so erinnerte die Kopie eines Wachtturms, die auf dem Marktplatz aufgebaut war, an die vielen Gefangenenlager, in denen noch heute deutsche Soldaten leiden. – Als nun die Waffen-SS marschierte, meinte am Straßenrand ein baumlanger Mann zu seiner Begleiterin, daß er sich das alles gar nicht vorstellen könne: diese marschierende Kolonne ohne Uniformen, die Männer in Mänteln und Hüten. "Haben sie auch Regenschirme?" fragte er. "Nein, Regenschirme nicht", sagte sanft die Begleiterin. "Nun, komm." – da reihten sich die beiden in die Kolonne ein, und in diesem Augenblick erkannte man zweierlei: daß der Baumlange blind war und daß auch er zur Waffen-SS gehörte. So marschierte er mit zum Stadion, das jenseits der Bahngleise, am Rande des Städtchens liegt. Vorn, hinter dem Verdener Trompeter-Orchester, marschierten zwei hochgewachsene Männer: Der weißhaarige Herr, jedoch mit frischem Gesicht und mit einer gewissen weltmännischen Haltung, das war der im Kriege vielgenannte General Steiner, und neben ihm, der hagere, magere, das war jener General Gille, der Brillanten-Träger, der die Division "Wiking" führte. Welche Titel! Man hörte Bezeichnungen wie "Das Reich" und "Totenkopf-Division" und "Leibstandarte Adolf Hitler". Und man sah die Fahnen auf dem Rathaus an; nein, sie waren immer noch schwarz-rot-gold. Neben Steiner und Gille marschierte übrigens ein dritter General: klein, behende, mit munter umherblickenden Augen. Er, der Fallschirmjäger Bernhard Ramcke, konnte unter so viel hochgewachsenen Männer nur ein Außenseiter sein, und er hat dann ja auch im Verdener Stadion eine entsprechende Rede gehalten, von der die Weltpresse widerhallen sollte. Doch davon später ...

Ehe sich die Fünftausend im Stadion formiert hatten, war Zeit, sich nach den vorangegangenen Ereignissen zu erkundigen. Nun, am Vorabend war es zunächst sehr still in Verden zugegangen. Die Bürger von Verden hatten bereitwillig Quartier gemacht und waren in den Gasthöfen Zeugen vieler. Begegnungen gewesen. Dies Wiedersehen so vieler Menschen, die einander sieben Jahre hindurch nicht begegnet waren, sei meist traurig und wehmütig und nur selten lärmend und lustig gewesen. Es sei immerzu von Gefallenen, Gefangenen, Vermißten die Rede gewesen und von einigen, offenbar sehr bekannten früheren Offizieren, die sich in den letzten Fronttagen oder im Internierungslager oder in der Kriegsgefangenschaft das Leben genommen hätten. Schließlich aber habe das Trompeter-Orchester flotte Märsche gespielt und da sei ein bißchen Stimmung aufgekommen, aber es seien nur wenige gewesen, die auf Stühle und Tische geklettert wären und ganz laut "Prost" gerufen hätten. Kurzum: die Bürger von Verden konnten der Waffen-SS das beste Zeugnis ausstellen. "Nicht eine Schlägerei", sagten sie. "Es war lange Nacht, aber nur selten, daß mal einer übern Durst getrunken hatte. Viele Menschen, aber nicht viel Betrieb. Da sei es doch entschieden stimmungsvoller zugegangen, als neulich die alten Angehörigen des Verdener Artillerie-Regiments 22 sich in ihrer einstigen Garnisonstadt wiedergetroffen und die neuen Bronzeplatten am Gefallenendenkmal vor der Holzmarkt-Kaserne eingeweiht hätten. – Stimmungsvolles Wiedersehen? Auf der Waffen-SS lastet seit sieben Jahren das Odium der Kollektivschuld stärker als auf uns anderen Deutschen. Es geht in manchen Hirnen immer noch unruhig zu. Manche wissen nicht recht: Was sollen sie denken? Und dann: Sind nicht holländische, flämische, dänische, estnische Angehörige der ehemaligen Waffen-SS diesmal nach Verden gekommen? Es sind Leute, die sich von allen verlassen glauben; Männer, die nicht in ihre Heimat zurückgehen können und seit vielen Jahren kein rechtes Zuhause haben! Ihnen hat man schon einmal das Wort "Europa" zugerufen. Sie hatten an Hitlers "Europa-Idee" geglaubt und waren vom selben "Führer" belogen und betrogen, danach aber von seinen Unterwerfern beschimpft und verlästert worden. Nun waren sie gekommen, um zu hören, was ihre ehemaligen Kameraden von den gegenwärtigen Dingen hielten. Man habe viele nachdenkliche Gesichter gesehen, meinten die Bürger von Verden, und plötzlich sei herausgekommen, daß die englischen Truppen in der Holzmarkt-Kaserne Ausgangsverbot hatten, solange die Waffen-SS in Verden sei. Das Wort "Disziplin!" habe man daraufhin ganz deutlich gehört. Wenn man sie schon für so gefährlich oder anstößig hielt, daß die britischen Soldaten ihnen nicht begegnen sollten, so wollten sie sich nicht lumpen lassen. Und wirklich sah man in Verden an diesem Sonntag nur die baumlangen MP-Leute mit ihrem weißen Lederzeug auf den Straßen; nur – sie fielen diesmal nicht durch ihre Größe auf...

Und mittlerweile passierte es dann, daß Bernhard Ramcke im Stadion seine Rede hielt und auf das Thema "Kriegsverbrechen" zu sprechen kam. "Wer sind denn wirklich die Kriegsverbrecher?", rief er aus. "Es sind die, die den unseligen Frieden gemacht haben, die, die ohne taktische Gründe ganze Städte zerstörten, die Bomben auf Hiroshima warfen und neue Atombomben herstellten." Die Umstehenden reichten dem wilden Redner Zettel herauf: er solle das sein lassen. Ramcke guckte die Zettel kaum an, er war im Schwung, er ließ sich nicht stören. Er merkte nicht, daß er, wenn er die Bombenflüge auf deutsche und japanische Städte "Kriegsverbrechen" nannte, auch die deutschen Flieger, die einst gegen englische Städte flogen, der Kriegsverbrechen bezichtigte. Und dann das Wort von den "schwarzen Listen", auf der gestanden zu haben für die Angehörigen der SS noch einmal ein Stolz bedeuten werde! "Die Zeit wird uns lehren", rief er, "daß diese Liste wieder eine Ehrenliste werden kann". – Hinterher, im Gespräch, sagte Ramcke: Nein, so habe er es nicht gemeint. "Wie denn?" – "Nur so." Er hatte "denen da" mal wieder "Bescheid sagen" wollen. – "Aber die anderen Redner im Stadion haben doch ganz anders gesprochen, Herr Ramcke." – "Ja, die haben sehr vernünftig gesprochen. Dagegen läßt sich nichts sagen. Das meine ich auch." Sprach’s und schaute unschuldig drein. – "Ja aber, Herr Ramcke! Daß Gille und Steiner sich öffentlich zur Demokratie bekannten und daß sie den Radikalismus von rechts und links ablehnten, und daß sie großen Beifall kriegten auf diese ihre Worte, das ist doch das Neue, das Erstaunliche und – wenn Sie wollen – das Sensationelle!"-"Jawohl, das ist doch auch richtig", sagte Ramcke ahnungslos, "das habe ja auch ich immer betont", und dann fuhr er sehr bald davon,

Das Wort des ehemaligen Generals Gille aber, des Brillantenträgers und vielgenannten Truppiers, war wirklich das Ereignis dieses Tages: "Wir erkennen die demokratischen Staatsformen an. Wer, wie wir, lange unter Rechtlosigkeit gelitten hat, der weiß, was ein Rechtsstaat bedeutet." – Und hinterher, im Gespräch, als die Frage kam: "Was tun Sie mit denen, die Ihnen diese Worte übelnehmen? Mit denen, die von Begriffen wie Rechtsstaat’, ‚Demokratie‘ nichts halten und an nichts denken als daran, daß sie im Internierungslager saßen, daß sie ,Kriegsverbrecher‘ hießen und daß ihnen ,Unrecht‘ geschah?" – "Das wären die Verbohrten, und von ihnen müssen wir uns trennen", sagte Gille.

Der General Steiner aber betonte, er habe die Journalisten hierher, ins Hinterzimmer des Hotels "Hannoverscher Hof", gebeten, um ihnen ausdrücklich zu sagen, daß sie, die Leute der ehemaligen Waffen-SS, die Rede Ramckes mißbilligen müßten. Und plötzlich kam da das Gespräch auf die Pläne der zukünftigen Europa-Armee. "Militärisch", so sagten die ehemaligen Führer der nicht nur den Waffengattungen, sondern auch den Menschen nach gemischten Verbänden, "militärisch hat das keine Schwierigkeit. Nur – es muß Gleichberechtigung sein, menschliche Gleichberechtigung; und daran hat es bei uns damals gefehlt."

Und die Korrespondenten notierten es. Hatten sie auch notiert, daß im Mittelpunkt des Waffen-SS-Treffens eine Kranzniederlegung an jenem Ehrenmal vor der Holzmarkt-Kaserne war, das jetzt geschmückt ist durch schöne Bronzetafeln? Kurt-Wolf von Borries, ein Schüler des Bildhauers Marcks, hat diese edle, formklare Darstellung eines Reiters im Auftrage der "Vereinigung ehemaliger Angehöriger des Artillerie-Regimentes 22" geschaffen. Vor diesem Denkmal hatte ein ungenannter ehemaliger SS-Mann zwar das germanische Wort von der "Toten Tatenruhm", aber auch ein Wort Christi zitiert. Und ein evangelischer Pfarrer (sechs Geistliche hatten abgesagt, aber der Siebente war gekommen) hatte auf die Kaserne gedeutet, in der die englischen Soldaten untergebracht sind, und hatte gerufen: "Wir wollen Versöhnung, wollen glauben an ein gemeinsames abendländisch-christliches Ideal, wollen den Frieden."