Von Marion Gräfin Dönhoff

Als 1930 die erste Volksausgabe von "Mein Kampf" herauskam, hätte jedermann sich unschwer über die Tendenzen und Ziele der Hitlerschen Politik orientieren können, die der angehende Diktator dort freimütig niedergelegt hatte. Aber die Menschen stellen sich nun einmal einen Diktator geheimnisvoller und ränkereicher vor. So ist es auch mit Stalin. Man vergißt, daß ein Volksführer die Massen inspirieren muß und nicht ein Geheimpolitiker ist, der A sagt, wenn er im Grunde B meint. Stalin hat in seinem umfangreichen Aufsatz, der im Bolschewik veröffentlicht wurde, sehr deutlich die neue Linie der sowjetisches Außenpolitik-festgelegt.

Die neue Lehre basiert getreu der klassischen Theorie von Marx auf ökonomischen Überlegungen. Marx hatte behauptet, das Vorhandensein eines akapitalistischen Raumes sei Voraussetzung für die Existenz des kapitalistischen Systems, weil dieses nur von der Ausbeutung unterentwickelter Gebiete leben könne. Stalin sagt heute, es sei wohl möglich, daß die östliche kommunistische und die westliche liberale Welt nebeneinander existierten, aber innerhalb des westlichen Wirtschaftssystems sei es zwangsläufig, daß die kapitalistischen Staaten übereinander herfielen, weil sie ohne die Weite der östlichen Absatzräume sich gegenseitig im Konkurrenzkampf umbringen würden. Geboren ist diese Lehre aus der Erkenntnis, daß die durch Marshall-Plan, NATO, Montan-Union und andere Organisationen immer mehr zusammenwachsende westliche Welt allmählich zu einem wirklichen Machtfaktor wird und daher aufgespalten werden muß.

Lange Zeit haben zwei verschiedene Richtungen im Politbüro miteinander gestritten. Die eine predigte: abwarten, Viererverhandlungen, Zeit gewinnen – sie ist jetzt überspielt worden von der anderen Richtung, die ihre aggressive Propaganda allein auf Amerika konzentriert, um in den europäischen Ländern die Illusion zu nähren, für sie gäbe es eine Verständigungsmöglichkeit mit der Sowjetunion, wenn sie sich aus der Solidarität mit Amerika lösten. Darum heißt die praktische Nutzanwendung der neuen Lehre: unter allen Umständen muß zwischen die europäischen Länder und die USA ein Keil getrieben werden. Und der Antiamerikanismus, der sich als Reaktion auf den Niedergang der alten europäischen Großmächte in deren Reihen immer stärker ausbreitet, scheint alle Gewähr für einen Erfolg der neuen Politik zu bieten. Darum nimmt Moskau jede Möglichkeit, Hader zu entfachen, ebenso wahr wie die Sehnsucht nach Neutralität und das Ressentiment der "Erniedrigten und Beleidigten". Immer wieder wird den europäischen Völkern klargemacht, welch unübersehbares Risiko darin liegt, sich mit den Amerikanern in ein Boot zu begeben, dessen Kurs unter der Kreuzzugsflagge des Sternenbanners ganz unberechenbar sei.

"Schlagartig", wie es in solchen Systemen zu gehen pflegt, setzte vor einiger Zeit in Rußland die totale Propaganda gegen Amerika ein – andere Widersacher, insbesondere Deutschland und Japan, gerieten dabei ganz in den Hintergrund. Natürlich haben solche Propaganda-Sturze wellen nicht nur einen außenpolitischen Zweck, sondern dienen gleichzeitig der Mobilisierung der inneren Kräfte, denn solche Systeme sind nun einmal wie Kinderdrachen, die nur bei Wind steigen. Als ich 1940 in Rußland war, zu einer Zeit, da es keinen ausgesprochenen außenpolitischen Gegner gab, richtete sich alle Propaganda gegen die eigene historische Vergangenheit. In jedem Museum gab es damals einen Raum, in welchem oft in Wachsfiguren die Verwerflichkeit des zaristischen Systems dargestellt war, und auf der Bühne wurden die Generale, Großgrundbesitzer und Popen des alten Regimes in immer neuen imperialistisch-kapitalistischen Verrenkungen gezeigt. Wer jedoch heute aus Moskau kommt, berichtet staunend über die kaum vorstellbare Intensität und Absurdität der antiamerikanischen Propaganda: kein Roman, keine Novelle, kein Stück, in das nicht mindestens ein Kapitel hineingezwängt wird, das die abgründige Verworfenheit der Amerikaner veranschaulicht. In jedem Museum und bei jeder Ausstellung wird in einem Extraraum statistisch, bildlich und graphisch die Kriegslüsternheit der Amerikaner und ihre Sucht, friedliebende Völker auszubeuten, veranschaulicht.

Der "Rote Stern", die sowjetische Armeezeitung, schrieb dieser Tage: Die Wallstreet-Magnaten mißbrauchten Westdeutschland nicht nur zur Vorbereitung eines Krieges gegen das demokratische Friedenslager, sondern sie veranlaßten auch die westdeutschen Industrie-Imperialisten durch rücksichslose Ausbeutung ihrer Arbeiter mit dem Export deutscher Waren Englands wirtschaftliche Position zu untergraben und in die traditionellen Einflußsphären Großbritanniens und Frankreichs einzudringen. Die Fürsorge für England ist wahrscheinlich Mr. Pollitt zu danken, der in Moskau während des Sowjetkongresses versichert hat, daß kein englischer Arbeiter je gegen die Sowjetunion kämpfen werde. Thorez hat sich dieser Versicherung im Namen der französischen Kommunisten angeschlossen: "Millionen und Abermillionen meiner Landsleute erklären feierlich, sie würden niemals ..."

Von kommunistischen Funktionären kann Moskau mit Recht diese Unterstützung erwarten, aber die vielfältigen, meist unabsichtlichen Helfershelfer seiner Politik in Europa haben wahrscheinlich erheblich zu der Entwicklung der neuen außenpolitischen Lehre beigetragen. So war sicherlich die Kundgebung vom vergangenen Freitag in Köln, auf der Heinemann sich gegen "das Kreuzzugsgehabe der Amerikaner" wandte und zum "Widerstand gegen Aufrüstung in Ost und West" aufrief, nach der epischen Breite der sowjetzonalen Berichterstattung zu urteilen, Musik in Stalins Ohren. Auch in Norwegen sind die Gegner des Atlantikpaktes innerhalb der regierenden Arbeiterpartei trotz deren strenger Parteidisziplin enger zusammengerückt und haben beschlossen, eine eigene Wochenschrift herauszugeben. Und Attlees Erfolg bei seinem Ultimatum an Bevan ist gewiß nicht beruhigend, wenn man sich erinnert, daß es vor, zwei Jahren noch nicht einmal 30 "Rebellen" in der Labour Party gab, die sich gegen Aufrüstung, und atlantische Politik wandten, während sich diesmal 51 Abgeordnete für Bevan erklärten und 52 sich der Stimme enthielten, also jedenfalls nicht mehr hinter Attlee stehen. In Frankreich schließlich ist die antiamerikanische Stimmung im Parlament so stark, daß Pinay sich neulich veranlaßt sah, ihr Rechnung zu tragen und eine amerikanische Note zurückzuweisen.

Jahrelang hat die Sowjetunion das Gesetz des Handelns in der Hand gehabt: Sie inszenierte Aufstände in Griechenland und die USA erklärten die Trumandoktrin. Sie sperrte die Berliner Zufahrtswege und die anderen mußten eine Luftbrücke bauen. Sie startete den Krieg in Korea und die Vereinten Nationen eilten auf das Schlachtfeld. – Immer taten die Sowjets den ersten Zug. Jetzt, zum ersten Male sind sie fühlbar in die Defensive gedrängt, erscheint ihnen eine aggressive Politik bedenklich – der beste Beweis ist die neue Außenpolitik Stalins. Gerade jetzt kommt daher alles darauf an, zusammenzustehen und nicht die Strecke Wegs, die wir als Reiter über den Bodensee hinter uns gebracht haben, mutwillig preiszugeben – es könnte leicht sein, daß wir sonst wieder in die Phase der Luftbrücke zurückfallen.