Von Paul Ellmar

Nun ist auch Gaston Baty, der letzte Repräsentant der großen Blütezeit des französischen Theaters zwischen den beiden Weltkriegen, nicht mehr unter den Lebenden. Er starb am 13. Oktober in Pelussin bei Saint-Etienne im Departement Loire, im selben verträumten, kleinen Städtchen, in dem er vor 67 Jahren, am 26. Mai 1885, das Licht der Welt erblickt hatte.

Gaston Baty ist unlöslich verbunden mit der Geschichte des französischen, ja, des internationalen zeitgenössischen Theaters; ein Dichter der Szene, ein gläubiger Romantiker der Bühne.

Als Student in München wurde ihm das "Münchener Künstlertheater" Reinhardts und Erlers zum entscheidenden Erlebnis. Er gab sein Philologiestudium auf, ging nach Paris zu dem damals fortschrittlichsten Theaterleiter, Firmin Gémier, und wurde dessen Regieassistent. Die große Inszenierung von "La Grande Pastorale" im weiträumigen "Cirque d’Hiver" war in der Hauptsache sein Werk. Es wurde ein stürmischer Erfolg. Mit einigen fortschrittlichen Stürmern: Bühnenbildnern, Dramatikern und Schauspielern, bildete er mit nichts und aus dem Nichts 1922 die "Compagnie de la Chimère", ein Theater der reinen Dichtung und Phantasie, die dem in äußerlichen Formeln theatralischer Wirkung erstarrten Amüsier- und Boulevardtheater und den Plattheiten des Naturalismus, die damals die Mode beherrschten, den Kampf ansagte. In einer Holzbude am Boulevard Saint-Germain begann die "Schimäre", bis sie im neuerbauten "Studio des Champs Elysées" festen Sitz nehmen konnte, wo sie bis 1928 blieb.

Mit seinen drei schärfsten Konkurrenten, Charles Dullin, Louis Jouvet und Georges Pitoeff, gründete er 1926 die berühmt gewordene, auf gegenseitiger, loyaler Freundschaft beruhende "Vereinigung des Cartels der Vier", deren Tätigkeit die blühende Entwicklung der französischen Bühne lange Jahre bestimmte. 1930 zog Baty auf das linke Seineufer und übernahm im Vergnügungsviertel der Rue de la Gaite das "Théâtre Montparnasse". Er eröffnete mit einer sensationellen Aufführung der "Dreigroschenoper" und verschaffte dieser Bühne bald internationalen Ruf. Seine Bühnenbearbeitungen von "Schuld und Sühne", von "Madame Bovary" gingen durch die ganze Welt. Er liebte für seine Inszenierungen die weit ausladende Bilderfolge mit der Wirkung von Farbe und Licht. Er war ein Vertreter des reinen "l’art pour l’art"-Gedankens. Aktuelles Zeittheater lehnte er ab als Kunstgewerbe. Für ihn war und blieb das Theater ein mystisches "Refugium, um dem Leben zu entfliehen". Als Meister der Regie suchte er wiederzugeben, was zwischen Traum und Manuskript dem Autor verlorenging, dem Publikum das Verständnis für die Botschaft des Dichters zu erleichtern. Seine sehr freie, bilderbogenhaft-volkstümliche Bearbeitung von "Faust" I. und II. Teil an einem Abend war für Paris 1936 ein Ereignis. Stets setzte er sich für deutsche Dramatik ein. Wie sein Meister Firmin Garnier war er einer der ersten nach dem ersten Weltkrieg, die auf dem Wege über das Theater in der "Société Universelle du Théâtre" eine internationale Verständigung erstrebten. Auf den damaligen Kongressen in Deutschland war er ein stets gern gesehener Gast. 1936 berief ihn der Intendant der Comedie Française", der Dramatiker Edouard Bourdet, neben Copeau, Dullin und Jouvet als Gastregisseur an diese klassische Bühne Frankreichs, um ihr und dem Ensemble neuen Geist und Stil zu vermitteln. Keine seiner Inszenierungen, die mit der Tradition völlig brachen, blieb ohne begeistertes Echo oder scharfe Ablehnung. Er war obendrein ein großer Entdecker und Förderer neuer Talente. Dem Dramatiker Lenormand, dem Vertreter des psychoanalytischen Theaters, verhalf er zum Durchbruch. Er entdeckte das Talent der Schauspielerin Marguerite Jamois und entwickelte es zu vollster Reife; sie ist heute eine der ersten Darstellerinnen Frankreichs, der er die Leitung seiner Bühne anvertraute, die sich heuti "Théâtre Gaston Baty" nennt.

Schon unter der deutschen Besatzung zog sich Baty von der Leitung seines Theaters zurück und widmete sich seinen alten Lieblingen, der "Marionetten". 1943 startete er unter den schwierigsten Kriegsverhältnissen in Paris mit einen französischen romantischen Zauber- und Abenteuerstück aus der Zeit der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts. Nach Kriegsende sammelte er ein Dutzend der bewährtesten und geschicktesten Marionettenspieler Frankreichs um sich und bereiste mit seinen "Marionettes à la Française Gaston Baty" wiederholt auch Westdeutschland Er zeigte aus der unerschöpflichen französischen Folklore Volks- und Legendenstücke neben literargeschichtlichen Werken wie dem Marionetten-"Faust".

Neben seiner umfassenden praktischen Tätigkeit veröffentlichte Baty eine Reihe wertvoller Werke über das Theater und seine Geistesgeschichte: "Le Masque et l’Enscensoire" (Weihrauch und Maske), "La Vie de l’art théâtral", "Ridau baisse" (Vorhang zu), eine Essaysammlung und berühmte Marionettenbücher, darunter "Trois petits tours et puis s’en vont" (Drei mal rum und dann husch weg!).