Von Stadtarchivar Dr. W. Ring

Der altehrwürdige Duisburger Burgplatz, die Kernzelle der Stadt, bietet heute keinen erfreulichen Anblick. Zwar ist das im Kriege schwer beschädigte, von der Verwaltung aber nie verlassene Rathaus wiederhergestellt. Aber ringsum breitet sich noch eine Zone der Verwüstung, hoffnungsvoll unterbrochen nur durch eine neue Straße, die zu den Häfen und den Stadtteilen nördlich der Ruhr führt...

Vor mehr als 1200 Jahren wurde auf diesem Platz, den alte Leute noch heute "die Burg" nennen, ein befestigter fränkischer Königshof errichtet, ein Stützpunkt in den Kämpfen gegen die nördlich der Emscher angrenzenden Niedersachsen. Der Platz lag hochwasserfrei über dem nahe vorüberflutenden Rhein, war durch die Ruhrniederung gedeckt und an den beiden von Natur ungeschützten Seiten mit Wall und Graben befestigt. Münzbilder auf alten, in Duisburg geprägten Silberdenaren der salischen Kaiser deuten die wichtigsten Bauten an, die auf der Burg entstanden: eine Pfalz und eine dem Salvator mundi geweihte Kapelle.

Der Hellweg, die vom Rhein nach Nordosten führende alte Heerstraße, nahm im Duisburger Bereich ihren Anfang. Diese handelsgünstige Lage lockte die frühmittelalterlichen Fernhändler, die Friesen. Wie in Duisburg sind sie in vielen alten Rheinstädten nachzuweisen. Im Schutz der Burg entstanden ihre Warenhäuser. Aber ihr Reichtum wurde dem aufblühenden Platz zum Verhängnis.

Die Normannen überwältigten und verbrannten Duisburg im Jahre 883. Aus dem Schutt wiedererstanden, wurde Duisburg zum Vorort des Ruhrgaues. Handel und Wandel erblühten von neuem. Die Bevölkerung wuchs und baute seit 1100 an einer Ummauerung des um die Burg entstandenen Wohnbezirks. Der Umkreis wurde so groß gewählt, daß er bis ins beginnende neunzehnte Jahrhundert genug Raum bot. Auf dem Burgplatz erhob sich seit 1300 die neue, vom Deutschen Orden erbaute große Salvatorkirche. Duisburger Schiffer befuhren den Rhein stromaufwärts bis Straßburg; rheinabwärts kamen sie über die holländischen Häfen hinaus bis nach England und zur Ostsee. Geschützt durch ein Privileg Barbarossas, brachten flandrische Kaufleute ihre Tuche zu den Messen, die zweimal jährlich auf dem Markt zu Füßen der Burg abgehalten wurden.

Als ums Jahr 1275 eine Strom Verlagerung den Rhein gut zwei Kilometer weit aus der unmittelbaren Nähe der Siedlung wegführte, mußte die auf dem Warenaustausch beruhende Blüte ihrer Wirtschaft allmählich verdorren. Denn im Lauf vieler Jahrzehnte versandete das alte Rheinbett völlig. Die Stadt war buchstäblich aufs Trockene gesetzt. Auch die Zugehörigkeit zum Hansabund konnte diesen Krebsgang nicht aufhalten. Zur gleichen Zeit verlor Duisburg durch eine Verpfändung an Kleve sogar noch seine Reichsunmittelbarkeit.

Es wurde still in der Stadt, deren Bürger sich vorwiegend der Landwirtschaft und dem Handwerk zuwandten. Nur selten noch sah der Burgplatz bei Fürstenbesuchen ein Turnier. Gras wucherte um den Pranger und den Gefangenenturm, und die Schüler der im sechzehnten Jahrhundert so berühmten Lateinschule spielten hier unter der Linde. Nur wenige Häuser vom Burgplatz entfernt, zeichnete Gerhard Mercator damals die Karten für den "Atlas" sowie die großen Weltkarten, deren Gradnetz noch heute unübertroffen und unentbehrlich ist. Durch ihn und durch die kurbrandenburgische Universität, die 1655 gegründet wurde und 1818 einging, schien Duisburg eine Zeitlang dazu bestimmt, vornehmlich Pflegestätte kultureller Güter zu werden. Zwar sind die so geschaffenen Werte in der Substanz des Bürgertums nicht verlorengegangen. Aber stürmische Zeiten ließen auch diesen Aufschwung stocken. Fremde Kriegsvölker hielten die Stadt jahraus, jahrein im spanisch-niederländischen, im Dreißigjährigen Krieg und in späteren Notjahren besetzt, so daß der Burgplatz Zeuge vieler wüster Szenen sein mußte. Als einmal die Besatzungstruppen in ihrer Zügellosigkeit das Kaiserbild zerstört hatten, das den Brunnen auf der Burg krönte, ließ man es schnell wiederherstellen. Denn in der trüben Gegenwart war man stolz auf die ruhmvolle Vergangenheit.