Wenn die Wähler in den Vereinigten Staaten am 4. November an die Wahlurnen treten, dann geben sie zwar einem der beiden Präsidentschaftskandidaten ihre Stimmen, aber diese Stimmenabgabe hat nur einen indirekten Einfluß auf die eigentliche Wahl des Präsidenten, der von einem Wahlkollegium gewählt wird. Jeder der achtundvierzig Staaten entsendet in dieses Wahlkollegium eine bestimmte Anzahl von Wahlmännern. Beispielsweise hat der große Staat New York 43 und der kleine Staat Wyoming nur drei Wahlmänner. Insgesamt stellen die achtundvierzig Staaten 531 Wahlmänner. Von diesem Gremium wird der Präsident der Vereinigten Staaten mit einfacher Mehrheit gewählt, er muß also mindestens 266 Wahlmännerstimmen erhalten. Die Stimmenabgabe der Wahlmänner erfolgt entsprechend den Ergebnissen der allgemeinen Volkswahlen in jedem Staat. Derjenige Präsidentschaftskandidat, auf den in einem Staat die Mehrheit der abgegebenen Stimmen entfällt, erhält die Stimmen aller Wahlmänner des betreffenden Staates. Dieses komplizierte System haben die Richter des Obersten Bundesgerichts Jackson und Douglas folgendermaßen charakterisiert: "Das ganze Wahlsystem ist im besten Falle ein mystifizierender und irreführender Faktor bei den Präsidentenwahlen, der eine Niederlage durch die Wähler zu einem Wahlsieg erklären kann. Im schlimmsten Falle öffnet es örtlicher Korruption und allerlei Manipulationen Tür und Tor, die im Jahre 1876 so flagrant waren, daß sie die Stabilität des Landes gefährdeten. Die Abschaffung dieses Systems und sein Ersatz durch eine direkte Wahl des Präsidenten wäre ein Gewinn für die Vereinfachung und die Integrität unseres Regierungsverfahrens."

Es ist aufschlußreich, das Wahlergebnis früherer Präsidentenwahlen in den einzelnen Staaten zu betrachten. Bei den letzten drei Präsidentenwahlen stimmten 23 Staaten mit 252 Wahlmännern beständig für den demokratischen Kandidaten. Vier Staaten mit 37 Wahlmännern wählten demokratisch, mit Ausnahme des Jahres 1948, als die Wahlmänner in diesen Staaten ihre Stimmen dem Kandidaten der demokratischen "Partei für die Rechte der Staaten", dem "Dixiekraten" Thurmond, gaben. Es haben daher 27 Staaten mit insgesamt 289 Wahlmännern in drei aufeinanderfolgenden Präsidentenwahlen nicht für den republikanischen Kandidaten gestimmt. Nur sieben Staaten mit 43 Wahlmännern wählten beständig republikanisch. 14 Staaten mit 199 Wahlmännern wählten wenigstens einmal den demokratischen oder republikanischen Kandidaten. Selbst wenn sich am 4. November in diesen 14 Staaten eine republikanische Mehrheit ergeben sollte, würden die Stimmen der 199 Wahlmänner dieser Staaten zuzüglich der 43 Wahlmänner aus den sieben ständig republikanischen Staaten nicht ausreichen, um dem republikanischen Kandidaten Eisenhower die für eine Wahl erforderliche Mindestzahl von 266 Wahlmännerstimmen zu geben. Wenn er die Wahl gewinnen will, muß er sich außerdem noch die Stimmen von wenigstens 24 Wahlmännern aus bisher demokratischen Staaten sichern.

Ein bedeutsamer Unterschied zwischen der Präsidentenwahl des Jahres 1948 und der jetzigen besteht darin, daß es 1948 neben den Kandidaten der demokratischen und der republikanischen Partei, Truman und Dewey, noch zwei weitere Kandidaten gab, nämlich Wallace für die Fortschrittspartei und Thurmond für die "Partei für die Rechte der Staaten". Die 38 Wahlmännerstimmen für Thurmond gingen damals den Demokraten verloren, ebenso wie die 1,1 Millionen Stimmen für Wallace, der völlig durchfiel. Die für Thurmond und Wallace abgegebenen Stimmen dürften am 4. November zu einem großen Teil dem Kandidaten der Demokraten, Gouverneur Adlai Stevenson, zugute kommen.

Ein weiterer Unterschied zwischen den Wahlen von 1948 und 1952 besteht darin, daß im Jahre 1948 von den 95 Millionen Wahlberechtigten sich nur 48,5 Millionen an der Wahl beteiligten, von denen Truman 23,3 Millionen Stimmen – um 2 Millionen mehr als Dewey – erhielt, während in diesem Jahr auf Grund der durchschnittlich um 12 v. H. höher liegenden Registrierung der Wähler mit einer entsprechend größeren Wahlbeteiligung gerechnet werden kann. Die Stimmen dieser neuen Wähler, bei denen sich die Frauen einer erheblichen Mehrheit befinden, können von ausschlaggebender Bedeutung für das Ergebnis der Wahl sein.

Die Republikaner haben den großen Vorteil, daß ihr Kandidat als siegreicher Feldherr des zweiten Weltkrieges eine große Popularität im amerikanischen Volk genießt, während die Demokraten durch das Hinauszögern der Entscheidung des Präsidenten Truman über seine nochmalige Kandidatur und durch den anfänglichen Widerstand Stevensons gegen seine eigene Nominierung in Nachteil gerieten. Im Verlauf des Wahlkampfes hat insofern ein Ausgleich stattgefunden, als es dem bis dahin in weiten Kreisen unbekannten Gouverneur des Staates Illinois gelungen ist, die Unterstützung wichtiger Wählerkontingente zu erhalten. So haben sich die großen Gewerkschaftsorganisationen AFL und CIO sovie die von John Lewis geführte Bergarbeitergewerkschaft für Stevenson entschieden. Die Führer der Negerbevölkerung haben sich gleichfalls für Stevenson ausgesprochen, und ebenso haben die Leiter großer katholischer Laienorganisationen dem demokratischen Kandidaten ihre Unterstützung zugesagt, während die Haltung der Juden uneinheitlich zu sein scheint. Ein wesentlicher Faktor zugunsten des demokratischen Kandidaten ist die in vielen früheren Wahlen beobachtete Titsache, daß die Wähler nicht geneigt sind, in Zeiten der Prosperität (die heute in den Vereinigten Staaten besteht) die regierende Partei abzulösen.

Ein Novum in der Geschichte der Präsidentenwahlkämpfe ist die Tatsache, daß der derzeitige Präsident sich so aktiv am Wahlkampf beteiligt, als kämpfe er für seine eigene Wiederwahl. Truman kämpft auch in eigener Sache, denn er verteidigt nicht nur seine Innen- und Außenpolitik, er will auch vermeiden, daß das Urteil über seine eigene Amtszeit dadurch ungünstig beeinflußt wird, daß ihn ein republikanischer Nachfolger ablöst. Truman versucht systematisch, das Prestige Eisenhowers zu untergraben, um den General dadurch in den Augen des amerikanischen Volkes als politischen Führer der Vereinigten Staaten ungeeignet erscheinen zu lassen. Der Wahlkampf hat hierdurch eine Verschärfung erfahren, die Präsident Truman offenbar für erfolgversprechend hält. E. Krüger