Wohin das Theater steuert

Von Gustaf Gründgens

Unser westdeutscher Referent hatte in der "Zeit" folgende Einwendungen gegen die Erklärung einiger Theaterleute gemacht: Das "Düsseldorfer Manifest" sei eine persönlich gefärbte Aktion von Gustaf Gründgens und eine konservative Kundgebung gegen Avantgardismus. – Wir haben Gustaf Gründgens und den Darmstädter IntendantenSellner gebeten, hierzu Stellung zu nehmen.

Ich habe kein "Edikt" erlassen und schon gar kein "Düsseldorfer Manifest". Wir haben uns nur, und zwar schon seit längerer Zeit, Gedanken darüber gemacht, wie man auf eine zwanglose Weise das deutsche Theater sowohl künstlerisch als auch wirtschaftlich in einen engeren Kontakt bringen kann. Uns schien es dabei auf die einzelne Persönlichkeit anzukommen, und daher findet man auch Namen aus den verschiedensten Gebieten des Theaters.

Der Bühnenverein und die Bühnengenossenschaft haben streng umrissene Aufgaben zu lösen, und es war für mich die größte Freude, daß beide Vereinigungen uns ihr Interesse und darüber hinaus ihre Bereitwilligkeit zur "Kontaktaufnahme" mitteilten. Es kostete übrigens wenig Mühe, die Männer, an die wir uns wandten, zu einer sofortigen Zusage zu bekommen, womit als erstes schon einmal das Märchen von der Isolierung, in der der Geist angeblich heute lebt, widerlegt ist. Was die organisatorische Verwirklichung unserer Gedanken, die alle der Sorge um das deutsche Theater entspringen, angeht, so liegt für uns der Sinn gerade darin, keine Organisation zu bilden und zu, sein. An Organisationen ist kein Mangel, aber es könnte sein, um ein Beispiel anzuführen, daß ich ein Stück lese, es begabt finde und doch Gründe habe, es nicht aufzuführen.’ Da wäre dann eine Möglichkeit, Hilpert oder Schweikart zu schreiben: Hier ist das Stück. Ich kann es nicht aufführen, Ihr habt die gute Besetzung dafür. Wollt Ihr es nicht annehmen? Oder ich lese ein Stück und denke: Das ist kein Theaterstück, aber es könnte ein Hörspiel sein. Nun, so werde ich es vielleicht Herrn Bischoff oder Herrn Hartmann zusenden. Und dasselbe wird umgekehrt der Fall sein können.

Auch die Auswahl der Namen bedeutet nicht, daß nicht eine vielleicht sogar entscheidende Persönlichkeit sich mit uns in Verbindung setzen soll oder wir uns mit ihr. Wird Hilpert anders inszenieren, weil er unter diesen Namen ist? Oder wird Sellner anders inszenieren, weil er nicht darunter ist?

Man soll es doch nicht so wichtig nehmen, daß der Einfachheit halber mein Sekretariat mit dieser Arbeit belastet wurde. Es kann genau so gut jeder andere Name diese Briefträgerarbeit leisten. Die Befürchtung, daß sich unserem guten Willen – denn wir sind alle mit Arbeit reichlich versehen und haben keine persönlichen Interessen – ein Riegel vorschiebt gegen die Avantgardisten: Nun, dafür sollten die Namen, die sich dort zusammengefunden haben, eine Garantie sein. Wenn sich zum Beispiel ein Intendant bereit erklärt hat, einen jungen Kollegen ein Jahr lang bei sich volontieren zu lassen, so ist auch das schon ein kleiner Fortschritt.