Rlt., Essen, Ende Oktober

Auf einer Vortragsveranstaltung "Die Kohle in der Elektrizitätswirtschaft" wurde in Essen erneut der Blick einer größeren Öffentlichkeit auf die weiträumige Strom-Politik des Ruhrgebietes gelenkt. Seit der Jahrhundertwende haben die großen Wirtschaftsführer in Kohle und Eisen wesentliche Arbeitsintensitäten darauf ausgerichtet, die thermischen Energiequellen zwischen Köln und Dortmund im Zuge eines wohldurchdachten Verbundsystems rationell auszunutzen. Die deutsche wie die europäische Wirtschaft stehen noch mitten in den Anfangsstadien dieser Verbundentwicklung. Die einsichtigen Kreise wenden sich daher auch immer wieder mit Nachdruck gegen einen überkommenen Strom-Föderalismus, der leider nicht aussterben will.

In den zurückliegenden 30 bis 40 Jahren hat sich der Stromverbrauch der Welt nach jeweils zehn Jahren gegenüber dem vergangenen Dezennium verdoppelt. Wenn diese Entwicklung auch für die kommenden Jahrzehnte anhält – und sehr vieles deutet darauf hin – dann werden um 1970, d. h. schon in 20 Jahren, allein auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik 200 Mrd. kWh Strom verbraucht werden. 1951 waren es 51 Mrd. Ist eine solche Entwicklung hinsichtlich des Brennstoffs zu schaffen?

Auf diese Weise haben drei Fachleute drei übereinstimmende Antworten erteilt. Dir. Dr.-Ing. H. Roser, Essen, erklärte, daß "nur der weitere Ausbau des Großverbundes die der deutschen wie der europäischen Elektrizitätswirtschaft gestellten Aufgaben der nächsten Jahre meistern könne". Dieser Großverbund biete allein die Möglichkeit, durch eine richtige Lösung der Transportaufgaben die großen Brennstoffvorräte an Rhein und Ruhr in der wirtschaftlichsten Weise für deutschen und europäischen Strom auszuschöpfen.

Dir. Dipl.-Ing. Schöller, Essen, fügte hinzu: "Unser Energiemangel verlangt zwingend Schwerpunktplanungen, die vom Hauer vor Ort bis zum letzten Stromverbraucher reichen, um die Bedürfnisse des Bergbaues und der Energiewirtschaft sinnvoll in Übereinstimmung zu bringen". Schöller ging sodann auf den bekannten Streit der Stromföderalisten ein und bestätigte erneut die Auffassung, die wir an dieser Stelle (Ausgabe Nr. 15 vom 10. April 1952) gelegentlich der kritischen Behandlung einer Denkschrift der Arbeitsgemeinschaft regionaler Elektrizitätsversorgungsunternehmen vertreten hatten. Schöller meinte, daß es bei den vielseitigen Aufgaben eines Verbundnetzes falsch ist, Frachttarife der Bundesbahn für Kohle mit echten Kosten des Stromtränsportes über den Draht zu vergleichen. Es stehe außerhalb jeden Zweifels, daß der Transport des Stromes über den Draht wirtschaftlicher sei als der der Kohle über die Schiene.

Die Aufgabe der Verbundwirtschaft ist es, die nicht handelsfähigen und nicht transportablen Kohlensorten an Ort und Stelle in Elektrizität umzuwandeln. In der Braunkohlen-Elektrizitätswirtschaft ist dies durch Errichtung von Großkraftwerken am Fundort der Kohle in überzeugender Weise durchgeführt worden. Hier werden nichtbrikettierbare sandige Kohlenmengen in solchem Ausmaße in Strom verwandelt, daß die Lebensdauer des Braunkohlenbergbaues vervielfacht werden konnte. Der Steinkohlenbergbau schickt sich an, den von der Braunkohle gewiesenen Weg auch zu gehen. So haben Braunkohle und Steinkohle vor einiger Zeit der Öffentlichkeit Vorschläge unterbreitet, um diese Verbundaufgabe zu lösen. Diese Vorschläge sind allen übrigen Plänen volkswirtschaftlich weit überlegen.

Hierzu hat Generaldir. Dr.-Ing. E. h. H. Kost auf der Essener Tagung bemerkenswerte Zahlen gegeben. Das Rheinische Braunkohlenrevier beabsichtigt, aus Ballastkohle bis 1960 rund 13,5 Mrd. kWh im Jahr zusätzlich zu erzeugen. Hinzu kommen durch Mehrdarbietung aus übrigen Revieren und aus Erweiterungen über 2,5 Mrd. kWh, zusammen also bei Braunkohle 16 Mrd. kWh. Der Steinkohlenbergbau wird einen weiteren Hauptanteil übernehmen. Unter Einbeziehung der Beiprodukte der Kohlenaufbereitung könne, so stellte Dr. Kost fest, mit einem jährlichen Anfall von 15,5 Mill. t nichtmarktfähiger Sorten gerechnet werden, was abzüglich Selbstverbrauch der Zechen in neuzeitlichen Energieanlagen eine Stromerzeugung von 25 Mrd. kWh einbringe.

Von den 50 Mrd. kWh, die die zu erwartende Verdoppelung des Stromverbrauches bis 1960 ausmachen, würden also Steinkohlen- und Braunkohlenbergbau zusammen 41 Mrd. kWh oder gut 80 v. H. an Ort und Stelle produzieren können, wenn die weitschauende energiewirtschaftliche Planung wirklich unbeirrt diesen sinnvollen Weg gehen kann. Den revierfernen Wärmekraftwerken und den Speicheranlagen bleibt nach wie vor eine große Aufgabe, nämlich die Abdeckung der Spitzenanforderungen, die auch bei langen Anmarschwegen guter Kohle noch rentabel zu gestalten sind. Braunkohle, Steinkohle und Elektrizitätswirtschaft müssen in diesem Punkte Hand in Hand, planvoll und großräumig arbeiten. Sie haben im Interesse der deutschen Volkswirtschaft die Aufgabe, mit den von der Natur nun einmal begrenzten Kohlevorkommen, dem Kernstück unserer nationalen Ökonomie, so haushälterisch wie möglich umzugehen.