Während die industrielle Produktion konjunkturell führender Länder – wie der USA und der Bundesrepublik – das sommerliche Tief überwunden und im September einen neuen Höchststand erreicht hat, fehlen an den Weltrohstoffmärkten alle Merkmale einer Festigung oder Belebung. Die Weltmarktpreise haben seit einigen Wochen wieder stärker fallende Tendenz. Mit 414,0 liegt der USA-Index für Stapelgüter am 21. Oktober etwa auf dem Stande von Ende Juni 1950. Die Aufwärtsentwicklung der industriellen Produktion und der Rückgang der Arbeitslosenziffern in den westlichen Ländern steht somit in offensichtlichem Widerspruch zu der Preisentwicklung an den Weltmärkten Wie ist diese Gegenläufigkeit zu erklären?

Die Antwort hierauf gibt ein kurzer Rückblick auf die wirtschaftliche Entwicklung des Westens seit Ausbruch des Korea-Konflikts. Das konjunkturelle Klima dieser fast zweieinhalb Jahre war – mittelbar und unmittelbar – bestimmt durch die Rüstungsanstrengungen der westlichen Staaten. In der ersten Phase – der Korea-Hausse – entfalteten Konsumenten, Händler und Produzenten eine lebhafte Nachfrage nach allen Gütern, die, wie die Erfahrung lehrt, in einer Kriegswirtschaft knapp zu werden drohen. Die Eindeckungs- und Hortungskäufe ließen die Umsätze der Wirtschaft über alle Vergleichswerte vorangegangener Perioden hinaus steigen; gleichzeitig wuchsen die Lager auf allen Produktions- und Verwendungsstufen. Für den Ausbau der Produktionsstätten in den Grundstoff- und Schwerindustrien, die zu späterer Zeit die Produktion von Rüstungsmaterial aufnehmen sollten, wurden Rohstoffe und Halbwaren, die sonst ihren Weg in die privaten Wirtschaftsbereiche gefunden hätten, abgezogen. Ebenso verknappten die staatlichen Käufe, die der Vorratsbildung von strategischen Gütern dienten, das Angebot auf den Märkten beträchtlich. Die Preise zogen in allen Ländern stark an; die Weltmarktpreise für einzelne Roh- und Halbwaren kletterten auf das Doppelte und mehr.

Angeregt durch die Preissteigerungen, die hohe Gewinne erlaubten, und in Erwartung weiter zunehmender Käufe der Konsumenten, nahm die private Wirtschaft – gerade auch die Konsumgüterindustrie – Kapazitätsausweitungen vor, die eine Produktionssteigerung ermöglichten. Der Konsument, der sich inzwischen über seinen laufenden Bedarf hinaus mit Waren eingedeckt hatte, sah ein wachsendes Warenangebot auf den Markt kommen und hielt bei dem stark überhöhten Preisniveau mit weiteren Einkäufen zurück. Mit diesem Umschwung in der Haltung der Verbraucher ging die Phase der Korea-Hausse im Frühjahr oder Sommer 1951 zu Ende.

Der Handel – veranlaßt durch die Zurückhaltung der Verbraucher – wurde vorsichtig in seinen Lagerdispositionen. Der Periode einer stürmischen Lagerauffüllung folgte ein Zeitabschnitt allgemeiner Lagerliquidation. Die Industrie sah sich zu einer Herabsetzung ihrer Erzeugung gezwungen. Diese Rückschläge nahmen auf einzelnen Teilgebieten (Textilindustrie) die Form einer Krise an. Inzwischen war jedoch die Umstellung einer nur für den privaten Bedarf produzierenden Wirtschaft auf eine Verteidigungswirtschaft vorangetrieben worden. Die Rüstungsausgaben, die in erster Linie der Kapazitätserweiterung der Produktionsgüterindustrie dienten, nahmen stetig zu. Sie schufen so nicht nur einen Ausgleich für den Rückgang der privaten Nachfrage, sondern ermöglichten darüber hinaus einen weiteren, wenn auch nicht mehr so stürmischen Produktionsanstieg. Die inflatorischen Übersteigerungen jedoch sind überwunden. Der Verkäufermarkt gehört also nunmehr der Vergangenheit an.

Gegenwärtig machen sich indes neue Einflüsse geltend. Die neuerstellten bzw. ausgeweiteten Produktionsstätten haben die Produktion aufgenommen oder sind im Begriffe es zu tun. Die Versorgung mit Gütern nicht nur für Verteidigungszwecke, sondern auch für den privaten Bedarf erscheint in vollem Umfang gesichert. Auch auf landwirtschaftlichem Gebiet ist die Welterzeugung gewachsen und übersteigt bei vielen Produkten den Weltverbrauch. Diesem erhöhten Angebot steht eine zwar ebenfalls größere, aber gegenwärtig sehr zurückhaltende Nachfrage gegenüber. Diese Zurückhaltung bei reichlichem Angebot ist es, die die Weltmärkte in ihren Preisen widerspiegeln.

Muß diese Situation an den Weltrohstoffmärkten als Vorläufer deflatorischer Tendenzen gewertet werden? Aus den wirtschaftlichen Daten der Gegenwart ist kein Grund für pessimistische Prognosen abzulesen. Wenn auch nur mit geringer Steigerung der öffentlichen Ausgaben für Verteidigungszwecke in Zukunft zu rechnen sein wird, so werden sich doch die gesamten Rüstungsausgaben und – das gilt insbesondere für die Vereinigten Staaten von Amerika – noch auf Jahre hinaus auf einem absolut sehr hohen Stande bewegen. Auch im Bereich der privaten Wirtschaft liegen keine Anzeichen für einen deflatorischen Einbruch vor. Der private Verbrauch ist in den letzten 12 bis 18 Monaten – hier ebenfalls vor allem in den USA, aber auch in der Bundesrepublik – hinter den seit Korea ständig gestiegenen Einkommen zurückgeblieben. Eine Anpassung des Verbrauchs an dieses höhere und noch weiter steigende Einkommensniveau ist aber nur eine Frage der Zeit. Da gegenwärtig auch die Lager des Handels niedrig sind, wird mit einer stärkeren Belebung der Verbrauchernachfrage auch eine Auffüllung der Lager notwendig. Auf lange Sicht werden daher die privaten Investitionen wieder zunehmen, zumal der hohe technische Stand der industriellen Produktion eine Verzögerung von Ersatzinvestitionen verbietet und aus Wettbewerbsgründen auch laufend Rationalisierungsinvestitionen erforderlich werden. Ob die so gegebenen konjunkturellen Auftriebstendenzen ausreichen werden, um die an sich, mögliche Zunahme des Sozialproduktes in den westlichen Ländern herbeizuführen, muß allerdings bezweifelt werden. Die verantwortungsvolle Aufgabe, die sich der privaten Wirtschaft im gegenwärtigen Zeitpunkt bietet, liegt darin, über eine günstige Preisgestaltung einen Mehrverbrauch anzuregen, der in einer Mengenkonjunktur sowohl dem Produzenten als auch dem Konsumenten einen steigenden Lebensstandard erlaubt.