Darmstädter Gespräche hinter den Kulissen und auf dem Podium

Von Christian E. Lewalter

Darmstadt, Ende Oktober

Das Wahrzeichen der Stadt ist eine Art Nelsonsäule, die auf einer Art Trafalgar Square steht. Der Platz heißt Luisenplatz; denn aus Darmstadt kam jene Luise nach Weimar, die Goethes anmutige und wehmütige Herzogin wurde, weil Karl August sich ja außer der Braut auch den Minister aus dem Westen nach Thüringen holte. Am Darmstädter Hof wuchs dann aber wenig später jene andere Luise auf, deren Munterkeit die Berliner Schranzen in Verwirrung brachte und die später, vor ihrem frühen Tode, als preußische Königin für Novalis und für Kleist zum Sinnbild der sanften Gewalt wurde.

Zu den Luisen gehörten die Ludwige. Einer von ihnen steht, wie Nelson in London, überlebensgroß hoch oben auf der kannelierten, ionischen Säule und blickt herrscherlich in Richtung Hauptbahnhof. Es ist jener Ludwig, den Napoleon von einem Landgrafen zum Großherzog erhob und dem er, zur Entschädigung für das verlorene Sauerland Rheinhessen, das ehedem kurkölnische Sauerland schenkte. Die dort lagernden Archive wurden, flüchtig in Kisten gestopft, auf den Dachboden des Gasthauses "Zum Trauben" am Luisenplatz gebracht, und hier begab sich dann eins jener Ereignisse, die mehr Geschichte machen als die Schlachten, weil jede Schlacht durch eine andere Schlacht annulliert werden kann, solche Ereignisse aber durch nichts: Dem Darmstädter Maler Moller fielen, als er 1814 für den Einzug des nunmehr gegen Napoleon siegreichen Großherzogs auf dem Dachboden des Gasthauses an Transparenten arbeitete, aus einer zerbrochenen Kurkölner Archivkiste eine Rolle mit Zeichnungen in die Hand, die er als die verschollenen Pläne für den Kölner Dom erkannte...

Der Dachboden ist den Bomben anheimgefallen wie das ganze Haus der "Traube", an dessen Stelle jetzt ein neues, elegant genormtes Hotel gleichen Namens dem Ludwig auf der Säule, dessen Hinterkopf durch Splitter beschädigt ist, im Rücken steht. Vom Residenzschloß ist nichts geblieben als die Außenmauern, und nur ein Raum wird benutzt: in einem unterirdischen Gewölbe hat das Darmstädter Künstlervölkchen, immer auf Modernität bedacht, einen "Existentialistenkeller" eingerichtet mit abgehackten Händen und anderen Requisiten des Grauens.

Aber wäre auch keine Bombe auf Darmstadt gefallen, etwas war unabwendbar: der Verlust des Gesichts einer Residenz. Darmstadt ist eine dynastische Stadt gewesen, auch noch zur Zeit der Weimarer Republik, wo der letzte Großherzog als Mäzen und Patron über den künstlerischen Ruf des Ortes wachte, an dem zu Beginn dieses Jahrhunderts die Revolution des "Jugendstils" ihre erste Bewährung in den Bauten der Künstlerkolonie auf der Mathildenhöhe suchte und fand. Noch ragt, als elegisches und tröstliches Symbol, der "Hochzeitsturm" von 1905 auf, entworfen als zwecklos festliches Erinnerungszeichen an die Hochzeit eben jenes letzten Großherzogs Ernst Ludwig, erhalten als Monument einer wagemutigen Generation von Künstlern, die mit einem Fürsten einen Bund einging gegen den konventionellen Sinn eines in Postamtsgotik, Bahnhofsromanik und Verwaltungsbarock schwelgenden Bürgertums.