Vizepräsident Franz Etzel, Duisburg, zu unserer Sonderveröffentlichung

Duisburg ist die Stadt der Kohle, des Eisens und Stahls und des großen Binnenschiffahrtshafens. Vor dem letzten Kriege war Duisburg mit 32 Hochöfen die Stadt, die in Europa am meisten Stahl produzierte und zugleich den größten Binnenschiffahrtshafen besaß. Das Wirtschaftsleben der Stadt wird also ausschließlich vom Verkehr auf den Wasserstraßen, der Förderung der Kohle und der Produktion von Eisen und Stahl bestimmt.

Die Europäische Gemeinschaft für Kohle, Eisen und Stahl (Schuman-Plan) ist ein zwischenstaatliches Gebilde besonderer Art, der von den sechs Ländern Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, Holland und Luxemburg die Souveränität über Kohle, Eisen und Stahl übertragen wurde. Insoweit haben sich diese Länder zugleich der eigenen Zuständigkeit für Kohle, Eisen und Stahl begeben. Der Vertrag verfügt also im Gegensatz zu den bisher üblichen internationalen Einrichtungen über ein selbständiges Hoheitsrecht auf diesen Gebieten. Seine Rechte werden von der Hohen Behörde in Luxemburg als dem Exekutivorgan der Gemeinschaft unter einer gewissen Mitwirkung des Ministerrats und nach Maßgabe bestimmten Kontrollfunktionen der gemeinsamen Versammlung ausgeübt. Sie sind der Hohen Behörde zur Verwirklichung des Vertragszieles gegeben, das die Ausweitung der Wirtschaft und die Hebung der Lebenshaltung in den Mitgliedsstaaten zum Gegenstand hat. Im engeren Sinne dienen sie der Herstellung eines gemeinsamen Marktes für Kohle, Eisen und Stahl. Dieser gemeinsame Markt soll bis zum 10. Februar 1953 geschaffen werden. An ihm ist Duisburg daher als Produzentin von Kohle, Eisen und Stahl in einem besonderen Maße interessiert. Seine Verkehrsinteressen werden aber ebenfalls in bedeutendem Umfang berührt.

Nach dem Schuman-Plan-Vertrag ist es Sache der Hohen Behörde, zusammen mit dem Verkehrsausschuß gewisse Aufgaben durchzuführen. Es handelt sich dabei um die Beseitigung diskriminierender Frachten, die Aufstellung direkter, das heißt den Absende- und den Empfangsort unmittelbar verbindender internationaler Tarife, die die gesamte Entfernung zwischen den beiden Orten berücksichtigen und degressiv gestaffelt sind, und um die Abstimmung der verschiedenen Beförderungstarife für Kohle und Stahl und ihre Bedingungen auf die Bedürfnisse des gemeinsamen Marktes.

Der Duisburger Raum sieht sich daher in der Zukunft hinsichtlich aller ihn berührenden Wirtschaftsprobleme einer neuen, in diesem Umfang souveränen Autorität gegenüber. Es ist hier nicht der Ort, die umfassenden Probleme in ihrer Gesamtheit aufzuzeichnen. Die Schaffung eines einzigen Marktes, errichtet unter Bedingungen, die die größte Produktivität sichern, ist eine Aufgabe, welche die Lösung umfassendster Fragen erfordert. Es handelt sich dabei um Aktionen, die die Maßnahmen der Regierungen betreffen (wie Handelsverträge, Subventionen usw.), um zusätzliche Bedingungen wie Verkehrs- und Transferfragen, um die Harmonisierung der Bedingungen, die die Konkurrenz verfälschen (verschiedene Steuern, verschiedene Sozialleistungen, Subventionen, Abschreibungen usw.), wie auch um Fragen hinsichtlich der Löhne und der Wanderung der Arbeitskräfte.

Die Hohe Behörde muß dabei zunächst die augenblickliche -wirtschaftliche Lage klären. Es handelt sich um die allgemeine Wirtschaftlage und um die Märkte für Kohle und Stahl. Es müssen weiter die Aussichten für das Jahr 1953 geprüft und festgestellt werden, ob und welche Maßnahmen auf dem Gebiete der Verteilung erforderlich sind. Die Probleme der Doppelpreise und des Fortfalls der Zölle sind zu studieren und zu klären, die Schutzmaßnahmen der einzelnen Länder sind zu untersuchen und die Maßnahmen für die Anpassungen durchzuführen. Eine wichtige Aufgabe ist die Feststellung der Ausgleichszahlungen für Gebiete, die, wie ein Teil der belgischen Kohlengruben, durch den gemeinsamen Markt in eine Bedrängnis geraten. Schließlich müssen die Perspektiven der Ausweitung, die Zusammenhänge zwischen Kohle- und Stahlwirtschaft, die Entwicklung der Wirtschaft im ganzen und die technische Entwicklung geprüft und geklärt werden. Es leuchtet ohne weiteres ein, daß es auch für Duisburg von großer Bedeutung ist, an der Klärung aller dieser Fragen direkt und indirekt beteiligt zu sein.

Die Europäische Gemeinschaft für Kohle, Eisen und Stahl ist ein Schritt auf dem Wege zu einem Vereinigten Europa. So wie im Zollverein 1833 durch Angleichung der wirtschaftlichen Probleme die Reichsgründung des Jahres 1871 vorbereitet wurde, so muß durch den gemeinsamen Markt für Kohle, Eisen und Stahl die Gründung des Staates "Vereinigtes Europa" vorbereitet werden. Das wird nur gelingen, wenn die Völker aus einer solchen Gründung eines gemeinsamen Marktes Vorteile erfahren, nicht aber, wenn sie in zusätzliche Schwierigkeiten geraten. Es darf mit Sicherheit erwartet werden, daß der größere Markt, der 156 Mill. Menschen umfaßt und damit ebensoviel Menschen besitzt wie die USA, größere Absätze ermöglicht. Diese Hoffnung ist allein schon aus der Tatsache berechtigt, daß Amerika fast dreimal soviel Kohle und Stahl produziert und absetzt wie die sechs Länder des Schuman-Planes.

Zusammenfassend kann daher gesagt werden, daß die Europäische Gemeinschaft für Kohle, Eisen und Stahl, die die Wirtschaftsinteressei von Duisburg unter eine neue Autorität mit dem Ziel stellt, die Schaffung eines gemeinsamen Marktes zu erreichen, die sichere Aussicht auf eine größere Produktion und damit auf größere Umsätze bei der Kohle, beim Stahl und auch im Duisburger Hafen in sich birgt. Die Duisburger Bevölkerung darf also im Schuman-Plan ein Instrument zu einer größeren Prosperität auch ihrer Heimatstadt erblicken.