Mit fast unheimlicher Folgerichtigkeit hat sich eine neue Figur in die Reihe der "starken Männer" Südamerikas geschoben. Es ist der Ex-General und Ex-Diktator Carlos Ibañez del Campo, der nach seinem Wahlsieg am 4. September nunmehr vom Kongreß in Santiago zum Präsidenten Chiles proklamiert wurde. Dieser Spruch des Parlaments war notwendig, weil Ibanez mit nur rund 48 v. H. aller Stimmen die verfassungsmäßig vorgeschriebene absolute Mehrheit nicht erreicht hatte. Jetzt hat das Parlament dem 75jährigen Berufsoffizier den Weg in den Moneda-Regierungspalast offiziell freigegeben. Eine andere Entscheidung wäre nicht denkbar gewesen, sie hätte zu schweren inneren Spannungen geführt. Eindringlich stand dem chilenischen Kongreß das Beispiel Boliviens vor Augen, dessen Parlament im Mai 1951 dem an der Urne siegreichen Führer der nationalrevolutionären Bewegung (Movimiento Nacionalista Revolucionaria – MNR), Dr. Paz Estensoro, die Macht verweigert hatte. Die Folge war ein Jahr später ein äußerst blutiger Aufstand der bolivianischen Bergarbeiter. Sie trugen Estensoro buchstäblich auf den Schultern an die Spitze des Staates. Ibeñez wird, wie sein bolivianischer "Kollege", auf einer Welle fast mystischen Glaubens der Massen in die Regierung getragen. Ibeñez leitete bereits einmal die Geschicke seines Landes als Diktator (1927 bis 1931). Genau wie der brasilianische Staatschef Vargas kehrte er durch völlig freie und demokratische Wahlen zur Macht zurück.

Ibañez hat, wie einige andere jetzt wieder an die Macht Gelangte, eine Zeitlang als Exilierter in Buenos Aires gelebt. Es wäre aber falsch, daraus den Schluß zu ziehen, daß diese "caudillos" etwa Satrappen Peróns wären. Das Phänomen ist kein perónistisches, sondern ein südamerikanisches, nämlich die wachsende Politisierung der Industrie- und Landarbeiter Lateinamerikas, verbunden mit dem tastenden Suchen des dünnen Mittelstandes nach "festen Verhältnissen", die den gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten Grenzen setzen. Es ist die Abkehr von den bürgerlichen Parteiführern und die Hinwendung zum "starken Mann", der vor dem Hintergrund der schmerzlichen Inflationserscheinungen und ihrer steigenden Lebensverteuerung mit sozialen Reformparolen auftritt und als Würze noch einen guten Schuß nationalistischen Ressentiments gegen die ausländischen Kapitalgesellschaften dazutut. Das war vor knapp einem Jahrzehnt die Formel, mit der sich Perón den Weg zur Macht bahnte und mit der er sie bisher behaupten konnte

Der am 3. November 1877 in Linares (Chile) geborene ehemalige Militärschüler, Militärattache in Paris, Instrukteur der Armee von El Salvador, Generalstäbler, Innenminister, Diktator und jetzt demokratisch gewählte neue Präsident Chiles hat ein umfangreiches Sanierungs- und Reformprogramm angekündigt. In allen Wahlversammlungen erschien er mit einem kleinen Besen bewaffnet als Zeichen seines Willens, "den Stall auszukehren". Seine Anhängerschaft geht durch alle Parteien, und es ist ihm gelungen, das gros der chilenischen Arbeiterschaft und der Gewerkschaften hinter sich zu bringen. Alle Hoffnungen der arbeitenden Bevölkerung Chiles werden sich auf den greisen, aber noch durchaus rüstigen Mann konzentrieren, wenn er am 3. November, seinem 75. Geburtstag, in Anwesenheit von Delegationen fast aller lateinamerikanischen Länder sein Amt antritt. Wird er sein "neues Chile" mit Reformen nach argentinischem Muster schaffen? Ibanez steht Perón beruflich nahe, und auch freundschaftlich ist er mit dem Präsidenten Argentiniens verbunden. Seine sozialen Gedankengänge bewegen sich auf ähnlichen Gleisen wie die Vorstellungen Peróns, besonders was die Rolle der Gewerkschaften angeht. Die große Sorge des neuen Präsidenten, die Streikparolen durch eine konstruktive Politik der Zusammenarbeit abzulösen, steht im Hintergrund einer für Januar geplanten allgemeinen Gewerkschaftskonferenz in Santiago.

Aber während der Peronismus in Argentinien bei der Machtübernahme eine geordnete Wirtschaft und genügend Finanzreserven vorfand, um sein sozialreformatorisches Werk zu beginnen, bietet Chile dem neuen Präsidenten ein empfindliches Defizit in den Staatskassen, verbunden mit großen wirtschaftlichen und sozialen Spannungen innerhalb der Bevölkerung. Der ältere und ausgewogenere Ibeñez dürfte sich daher darüber klar sein, daß der Erfolg seiner Politik nicht in einer Überstürzung à la Perón, sondern eher in einer evolutionären Entwicklung liegt, die das ausländische Kapital nicht vor den Kopf stößt. Seine ersten Äußerungen nach der Wahl lassen auf einen festen, aber gemäßigten Kurs schließen. Hatte Ibeñez vor den Wahlen von einer Nationalisierung der Kupferbergwerke gesprochen, so sagte er nach den Wahlen, daß seine Regierung dem anlagesuchenden Auslandskapital Garantien geben werde, vorausgesetzt, daß es sich kolonialen Anschauungen fernhält und den Landesgesetzen unterwirft. Ibañez zeigt sich also zu Kompromissen geneigt, ähnlich wie Estensoro in Bolivien bezüglich der Verstaatlichung der-Zinngruben. Vor den Wahlen ist Ibeñez als Gegner des Beistandspaktes mit den Vereinigten Staaten aufgetreten, jetzt scheint er sich mit gewissen Abänderungen zufriedengeben zu wollen.

Alfred Bragard