Von Dr. Walter Greiling

Es ist kein Zufall, daß Duisburg seit einem Jahrhundert mehrfach der internationalen Chemie neue Impulse gegeben hat. Diese lagen weniger auf technischem und wissenschaftlichem, sondern mehr auf wirtschaftlichem Gebiet. Schon im Jahre 1824 hat ein überragender Chemiekaufmann, Friedrich Wilhelm Curtius, die hervorragende Eignung des Platzes am Schnittpunkt von Rhein und Ruhr für die chemische Industrie erkannt und eine Schwefelsäurefabrik gegründet. Es war das erste industrielle Unternehmen überhaupt in Duisburg, das den Namen Fabrik verdiente.

Dreimal haben dann in den letzten hundert Jahren Unternehmer mit wirtschaftlichem Weltblick von Duisburg aus Gemeinschaftsorganisationen auf chemischem Gebiet ins Leben gerufen, die entweder die größten ihrer Art auf der Welt geblieben sind oder die übrige deutsche chemische Industrie richtunggebend beeinflußt haben.

Um 1850 geriet die junge deutsche chemische Industrie, in erster Linie die am Ober- und Niederrhein sowie die in Westfalen entstandenen Sodafabriken, in ernste Schwierigkeiten und drohte, dem englischen Wettbewerb zu erliegen. Dem Chemiekaufmann und Industriegründer Curtius gelang es 1854, von Duisburg aus eine Schwefelsäure- und Sodakonvention zustande zu bringen. Es war dies der erste Unternehmerzusammenschluß in der deutschen Chemie überhaupt und die Keimzelle des heutigen Verbandswesens. Der westdeutsche Zusammenschluß der Sodafabrikanten hat von 1850 bis 1890 die deutsche chemische Industrie lebensfähig erhalten und verhindert, daß das Solvayverfahren in Deutschland einen ähnlichen Zusammenbruch der chemischen Großindustrie herbeiführte wie nach 1880 in England.

Der Nachfolger von Curtius, Julius Weber, Mitinhaber der von Curtius gegründeten Sodafabrik Matthes & Weber, hat 1876 die Duisburger Kupferhütte als Gemeinschaftsunternehmen der westdeutschen Schwefelsäureindustrie mit geschaffen. Sie dient dem Ziel, den Schwefelpreis durch Verwertung der Schwefelkiesabbrände zu verbilligen. Dieses Unternehmen ist auch heute noch das größte seiner Art auf der Welt und verarbeitet über 1 Mill. t Kiesabbrände im Jahr. Es hat einen ausgesprochenen europäischen Charakter erhalten, da es heute die Abbrände auch von nordfranzösischen, belgischen und holländischen Schwefelsäurefabriken verwendet und die Schwefelkiese von Spanien, Portugal, Griechenland, Cypern, Norwegen der deutschen chemischen Industrie vermittelt. Seine Erzeugnisse wiederum – u. a. Kupfersalze, Kobalt, Zinkoxyd, Bleicyanamid, Temperroheisen, Gußwaren – gehen nach sämtlichen europäischen Ländern und nach Übersee. Vor einigen Jahren hing in den Räumen der Duisburger Handelskammer eine Landkarte, auf der die Verbreitung der Duisburger Industrieerzeugnisse in der Welt durch farbige Punkte dargestellt war. Ein Erzeugnis, das dadurch auffiel, daß es in allen Erdteilen am häufigsten auftauchte, war das Natriumsulfat der Duisburger Kupferhütte, kurz Duisburger Sulfat genannt.

Ein zweites großes Gemeinschaftsunternehmen der chemischen Industrie wurde 1905 in Duisburg-Meiderich gegründet, die Gesellschaft für Teerverwertung. Sie hat die Zerlegung des Teers aus den Kokereien der angeschlossenen Ruhrzechen in seine Bestandteile und deren bestmögliche Verwertung zum Gegenstand. Bis heute betreibt die Gesellschaft die größte Anlage ihrer Art auf der Welt. Als Spitzenleistung hat sie in einem Jahr fast 900 000 t Teer verarbeitet. Daneben hat sie durch Groß Versuchsanlagen auch auf technisch-wissenschaftlichem Gebiet bahnbrechend gewirkt. Mit gewissen Reinprodukten versorgt Duisburg-Meiderich fast die gesamte übrige Welt. Einzelne Feinerzeugnisse werden nur hier gewonnen. Auch das zweitgrößte Unternehmen, der Teerverarbeitung in Deutschland, die Rütgerswerke, die auf eine 100jährige Tradition zurückblicken und auf dem Gebiet der Teererschließung die hauptsächliche Pionierarbeit geleistet haben, unterhalten in Duisburg-Wanheimerort einen Betrieb, so daß Duisburg als der führende Platz in der Teerverarbeitung von Europa und der Welt bezeichnet werden muß.

Die von Curtius gegründete Schwefelsäurefabrik, seit 1926 Aktiengesellschaft Chemische Fabrik Curtius, gehört heute zur deutschen Ammoniak-Verkaufsvereinigung in Bochum und liefert den Ruhrzechen die zur Herstellung der Stickstoffdünger notwendige Säure. Schwefelsäure wird in Duisburg noch von zwei weiteren Großfirmen hergestellt, der Aktiengesellschaft für Zinkindustrie, vormals W. Grillo in Hamborn, und der Berzelius-Metallhüttengesellschaft n. b. H., Duisburg-Wanheim. Die gleichfalls auf Curtius und das Jahr 1848 zurückgehende Ultramarinfabrik in Duisburg ist heute ein Zweigbetrieb der Vereinigten Ultramarin-Fabriken in Köln. Auch ihr Absatz geht weit über Deutschland und Europa hinaus. Einige weitere kleinere chemische Fabriken des Duisburger Raumes, die Farben und Lacke, Arzneimittel und chemischtechnische Erzeugnisse herstellen, eine Firma, die Laborbedarf liefert und fertige Laboratorien einrichtet, tragen dazu bei, daß der Name Duisburg in der internationalen Chemie auf recht zahlreichen Gebieten genannt wird.