Auch in der vergangenen Börsenwoche suchte der Berufshandel vergeblich nach Kundschaft, die eine Belebung des Geschäfts hätte bringen können. Wo der Schuh drückt, wird sofort klar, wenn man sich vergegenwärtigt, welche Papiere unter der Börsenstille am meisten gelitten haben. Das sind nämlich jene Werte, die nach den Plänen der SPD und der Gewerkschaften für eine Sozialisierung in Frage kommen. Die kürzlich in dieser Hinsicht mit Nachdruck vertretenen Forderungen haben sowohl im Inland als auch im Ausland die Risiken deutlich werden lassen, die mit dem Besitz bestimmter Aktien verbunden sind. Nur so wird es begreiflich, wenn ausländische Kreise trotz des immer noch rückläufigen Sperrmarkkurses deutsche Papiere abgestoßen haben. Gespannt blickt man jetzt auf die in Kürze in einigen Ländern der Bundesrepublik fälligen Gemeindewahlen, deren Ergebnisse zeigen werden, ob die Sozialisierungsbefürchtungen tatsächlich zu Recht bestehen.

Am stärksten wirkten sich die Kursrückgänge wieder einmal bei den Eisen- und Stahlwerken aus. Daß der Materialanfall keineswegs erheblich war, zeigte sich stets, wenn die Baissiers sich eindecken wollten. Sofort war der Markt leer und Material erst auf erhöhter Basis greifbar. So kam es im Verlaufe der Woche zu beträchtlichen Schwankungen: Hoesch 170 – 165 – 168; Klöckner 198 1/2 – 191 – 193; Mannesmann St 150 – 145 1/2 – 146; Ver. Stahl 208 – 199 – 204; GHH 221 – 211 – 218 v. H. übrigens zeigte die Geschäftsstille wieder einmal deutlich, daß die Tendenz in erster Linie von dem Markt der Zuteilungsrechte und Neugirosammelanteile "gemacht" wird. Die Kursentwicklung der effektiven Stücke hinkte jeweils um einige Stunden nach, wodurch sich die Margen in einzelnen Papieren beträchtlich vergrößerten. Geschickte Händler konnten sich hier einiges "Kleingeld" verdienen. – IG-Farben lagen völlig im Fahrwasser der Montane. Sie sanken zum zweiten Male unter Pari und wurden am Wochenschluß mit 99 1/2 (Vorwoche: 102 v. H.) gehandelt. Neugirosammelanteile gingen zu 94 v. H. um, aus Zürich hörte man einen Kurs von 85–87. Versorgungswerke, die auch als "sozialisierungsgefährdet" gelten, mußten ebenfalls um einige Punkte zurückstecken. HEW 77 1/2 nach 80 v. H., RWE 102 nach 105 v. H. Am Elektromarkt waren Siemens-Aktien leicht abgeschwächt, doch zeigte sich auf der ermäßigten Basis sofort Kaufneigung. AEG blieben fast unverändert.

Bemerkenswert war die Bewegung, die sich bei den Reichsbankanteilen und den Vorzugs-Aktien der Deutschen Golddiskontbank vollzog. Ausgehend von Frankfurt setzte eine lebhafte Nachfrage nach beiden Werten ein, die zu mehrprozentigen Kurssteigerungen führte. Reichsbanksammelanteile lagen zum Wochenschluß bei 61 (nach 57) und Dt. Golddiskontbank bei 56 1/2 (plus 10 Punkte). Der Spitzenkurs der Woche von 66 1/2 v. H. konnte bei dem letzteren Papier nicht gehalten werden. Die Ursache des plötzlichen Interesses waren Erwägungen über die Reaktivierung der Dt. Golddiskontbank im Zusammenhang mit der in Hamburger Außenhandelskreisen in Aussicht genommenen Gründung einer Exportfinanzierungsbank. – Bei gelingen Umsätzen konnten sich die Großbankwerte behaupten, fester waren Aktien der Hamburger Vereinsbank, bei der das Umstellungsverhältnis immer noch nicht feststeht.

Am Rentenmarkt bahnte sich ein Umschwung an. Erstmalig nach den beträchtlichen Kurssteigerungen kam in RM-Pfandbriefen reichlicher Material auf den Markt, das bei nachlassender Nachfrage nur unter Verlust von 1–2 Punkten untergebracht werden konnte. Die Unruhe, die hier entstanden ist, resultiert aus der Absicht, die Aufwertungsquote nun doch nicht an die Stücke zu binden, sondern denjenigen zugute kommen zu lassen, die die RM-Pfandbriefe am Währungsstichtage in Besitz hatten. Wenn auch sehr viel für diese Regelung spricht, so wird andererseits in Bankkreisen auf die technische Schwierigkeit der Feststellung des früheren Besitzers hingewiesen. Von der Wertpapierbereinigung her weiß man nur zu gut, wieviel Zeit und Mühe derartige Nachforschungen kosten werden. Unabhängig von der Aufwertungsquote ist die jetzige Kurshöhe der RM-Pfandbriefe noch ohne Risiko für die augenblicklichen Besitzer.

Gleichzeitig mit den in Arbeit befindlichen Gesetzentwürfen über die Umstellung der verbrieften Schulden des ehemaligen Deutschen Reiches, der Reichsbahn und der Reichspost hat sich für die noch ungeregelten RM-Schatzanweisungen der Dt. Reichspost und der Dt. Reichsbahn im freien Verkehr bereits ein Handel entwickelt, der sich für diese Papiere etwa auf der Kursbasis von 4 1/4– 4 1/2 v. H. abspielt. Eine Verwertungsmöglichkeit besteht zur Zeit allerdings nur für Stücke, die im Girosammeldepot verbucht waren, da die effektiven Stücke seinerzeit meldepflichtig waren und daher noch immer blockiert sind. -ndt.

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Bei den Einfuhranrechten zeichnete sich eine kleine Erholung ab. Per Kasse wurden sie mit 6 1/2–8 v. H. (Aufgeld zum amtlichen Dollarkurs) gehandelt. Die Nachfrage war nach wie vor gering. Die Bemühungen um eine Verlängerung des Verfallstermins für die zur Zeit geltenden Anrechte bis zum Jahresende gehen weiter. Die Arbeitsgemeinschaft Außenhandel hat sich für eine Beibehaltung des Einfuhranrechtsystems ausgesprochen, doch will sie es durch eine Reihe von Neuerungen wirkungsvoller gestalten.