In Deutschland und darüber hinaus gibt es unstreitig manche Wirtschaftsbezirke, die in der Fläche, nach der Zahl ihrer Betriebsstätten, der darin tätigen Menschen, den erreichten Umsätzen, dem Steueraufkommen, den Produktionsziffern insonderheit von Kohle und Eisen, alles in allem in ihrer Potenz dem niederrheinischen Raum voraus sein mögen: allerdings nur im einzelnen, wenn man jeden der genannten Faktoren für sich betrachtet. In ihrer Gesamtheit aber sind nirgends, weder in Deutschland noch sonst in der Alten Welt, die tragenden Kräfte: Wasser, Kohle, Eisen in solcher Konzentration zusammengefaßt wie im wirtschaftlichen Kraftfeld an der Einmündung der Ruhr in den Rhein und in dessen Ausstrahlungsbereich, der den Stadtkreis Duisburg, die linksrheinischen Städte Rheinhausen und Homberg, dazu die rechtsrheinischen Landkreise Dinslaken und Rees bis zur holländischen Grenze bei Emmerich – d. h. also den Bezirk der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer Duisburg-Wesel – umfaßt. Er stellt trotz seiner ungewöhnlich vielseitigen Struktur eine Einheit dar wegen seiner selten glücklichen Verkehrs- und wirtschaftsgeographischen Lage zum Binnenland wie zum Weltmarkt hin an dieser einzigartigen Wasserstraße des deutschen und westeuropäischen Verkehrs, dem Rhein, der in Vergangenheit und Gegenwart aufs engste mit dem deutschen Schicksal verbunden ist und in Zukunft verbunden bleiben wird. Im wirtschaftlichen Geschehen dieses Raums spiegelt sich deutlich das Auf und Ab der weltwirtschaftlichen und weltpolitischen Entwicklung wider.

Die Steinkohle gibt im Verein mit der Eisen- und Stahlindustrie allem den Akzent; sie beide waren zusammen und jede wieder auf ihre Art Begründer und Vorkämpfer des technischen Fortschritts. Bergwerke und eisenschaffende Industrie finden sich in Duisburg, Rheinhausen, Homberg, Dinslaken. Im Laufe der letzten drei Menschenalter folgten in ständig zunehmendem, wenn auch für einen gesunden inneren Ausgleich noch nicht immer und überall ausreichenden Ausmaß zahlreiche Zweige der verarbeitenden Industrie, u. a. Metallgewinnung, Gießereien, Kabelerzeugung (Duisburg, Isselburg), Brücken- und Schiffbau (Duisburg, Rheinhausen, Walsum) und nicht zuletzt Maschinen (Duisburg, Rheinhausen, Homberg, Dinslaken, Wesel, Emmerich), Holz-, Papier- und chemische Industrie (Duisburg, Homberg, Rheinhausen, Walsum, Emmerich), Textil- und Schuhindustrie (Duisburg, Rheinhausen, Homberg, Dinslaken, Emmerich). Recht beachtlich ist ferner die Industrie der Steine und Erden. Dazu treten viele Betriebe der Nahrungs- und Genußmittelindustrie (Duisburg, Homberg, Wesel, Rees, Emmerich), darunter insbesondere alteingesessene, zum Teil jahrhundertealte Tabakfabriken (Duisburg, Rees, Emmerich), der Mühlenindustrie (Duisburg, Homberg, Wesel, Rees, Emmerich), des Brauereigewerbes sowie der Schokoladen- und Likörfabrikation als Verbrauchsgüterindustrien (Duisburg, Rheinhausen, Wesel, Ringenberg, Emmerich). Der zur gesunden Abrundung des Ganzen vordem seit vielen Menschenaltern dazugehörende, weil wirtschaftlich wie im Verkehr westlich orientierte Bocholter Wirtschaftsbezirk mit seiner Textil-, aber auch beachtlichen metallverarbeitenden Industrie ist seit seiner zwangsweisen Abtrennung bei Bildung der Gauwirtschaftskammer Münster am 1. April 1943 angesichts der allgemeinen kammerpolitischen Lage bislang noch nicht wieder zurückgegliedert worden.

Dem Verkehrsgewerbe mit seinen mannigfachen Sparten kommt in diesem Bereich selbstredend eine führende Rolle zu. Schiffahrt, Umschlag, Spedition, Lagerung werden außer von kleinen und kleinsten Unternehmen, die häufig seit Generationen in derselben Familie sind, auch von Häusern wahrgenommen, deren Namen weit über den Rheinstrom hinaus einen internationalen Klang haben. Duisburg ist Sitz der in der deutschen Binnenschiffahrt führenden Industrie- und Handelskammer wie der großen fachlichen Wirtschafts- und Arbeitgebervereinigungen der Reeder, der Schiffahrtsspediteure, der Kleinschiffer (Partikuliere), der Werften, auch einer Wasserstraßen- und Schiffahrtsdirektion mit ihrer Untergliederung.

Der Handel als unentbehrlicher Mittler zwischen Warenerzeuger und Verbraucher ist in allen Größenordnungen vertreten, vom Weltunternehmen bis zum Einzelhandelsspezialgeschäft. Ein regsames Baugewerbe einschließlich der Nebengewerbe ist emporgeblüht. Das Handwerk behauptet, gestützt auf eine ehrenvolle Geschichte den ihm gebührenden Platz.

Zahlen beweisen! Duisburg und sein Wirtschaftsraum können damit aufwarten. Was könnte eindrucksvoller seine wirtschaftliche Bedeutung belegen als dies: Im Bezirk der Niederrheinischen Industrie- und Handelskammer Duisburg-Wesel werden heute wieder bereits mehr als drei Zehntel der Roheisen- und der Rohstahlerzeugung und über ein Fünftel der Walzwerkerzeugung des Bundesgebietes gewonnen. Vor dem Krieg konnte hinzugefügt werden, daß 55 v. H. der gesamten Verkehrsleistungen aller deutschen Wasserstraßen allein auf den Rhein entfielen. Über ihn ging die Hälfte der deutschen Ausfuhr der Menge nach; im Wert machte sie immerhin ein Fünftel aus. Wenn dem, was die Beteiligung an den deutschen Verkehrsleistungen und an der Ausfuhr betrifft, noch nicht wieder so ist wie ehedem, so liegt dies u. a. an der bisherigen für die Binnen- und insbesondere Rheinschiffahrt abträgliche Tarifpolitik der Bundesbahn und an der künstlichen widernatürlichen Ablenkung des Verkehrs vom Rhein durch Maßnahmen von hoher Hand.

Die obigen Zahlen bedeuten für den Niederrhein und seine Wirtschaft weniger einen Besitz als eine Verpflichtung, eine Verpflichtung allerdings nicht nur für die, die Träger der wirtschaftlichen Kräfte dieses Raums sind, sondern nicht minder für diejenigen, die in Regierung und Parlament dafür verantwortlich sind, daß jedes Glied der Volkswirtschaft im Rahmen des Ganzen aus nationalwirtschaftlichen Überlegungen sein Bestes geben kann. Dazu ist die dringliche Beseitigung der Hemmnisse, wie sie vorstehend nur angedeutet werden konnten, geboten und unaufschiebbar. Egozentrische, mit anderen Vorwänden getarnte Gruppeninteressen sollten hinter der Lösung in europäischer Sicht in jedem Fall zurücktreten, um die es letzten Endes nicht nur mit schönen Worten, sondern durch die Tat gehen sollte.

Wohl selten hat sich das Wort des griechischen Weisen so vollinhaltlich bewahrheitet wie in unseren Tagen: Alles ist im Fluß. Wir dürfen die Dinge nicht statisch sehen; wir müssen sie dynamisch begreifen. Erst undeutlich zeichnen sich am Horizont die Ufer ab, denen wir als Volk, als Staat, als Wirtschaft zustreben. Die deutsche Wirtschaft ist mit großen Hypotheken aus dem Zusammenbruch belastet; zu allem andern hatte die niederrheinische Wirtschaft unter Kriegs- und Nachkriegsfolgen besonders zu leiden. Der eine Hinweis mag für viele sprechen: Demontagen. Die August-Thyssen-Hütten in Duisburg-Hamborn ist ein Symbol dafür, um was es hierbei ging. Der besenreine Abbruch der größten europäischen Bandeisenwalzwerke in Dinslaken war vorangegangen. Der überdurchschnittliche Zerstörungsgrad im Landkreis Rees mag noch als weiteres Faktum genannt werden. Solche zusätzlichen Nackenschläge zu überwinden, dazu bedarf es besonderer Förderung der verantwortlichen Stellen. Nur dazu! Im übrigen beweist die Geschichte des Großduisburger Wirtschaftsraums, daß die hervorgebrachten Leistungen und Erfolge sich rückschauend zwar einfach ansehen mögen, einfach wie alles Große in der Welt. Doch das scheinbar Einfache ist in aller Regel tatsächlich unendlich schwer.

Nur starken Persönlichkeiten ist es im Auf und Ab der Konjunkturen und Krisen gelungen, ihr Werk durchzuhalten, zu fördern und gefestigt in die Hand ihrer Nachfolger zu legen. Was viele von ihnen auszeichnete, war die Kunst der Menschenbehandlung und die Gabe, die richtigen Mitarbeiter, zuverlässig kenntnisreich und geschickt in Kontor und Werkstatt, ausfindig zu machen. Ohnedem wäre der Aufstieg der unternehmerischen Wirtschaft des 19. Jahrhunderts unmöglich gewesen. Werk und Belegschaft gehören zusammen; so wenig wie damals kann eins ohne das andere heute und künftig bestehen. Die Tatkraft des einzelnen wurde zum Schrittmacher der Volkswirtschaft und ebnete dem sozialen Fortschritt den Weg. Wurzelnd in einer großen Vergangenheit, schaffend in einer schicksalhaften Gegenwart, geht die niederrheinische Wirtschaft in eine Zukunft mit großen Aufgaben und neuen Hoffnungen!