Der Weltspartag, den die deutschen Sparkassen gemeinsam mit ihren Schwesterinstituten in der westlichen Welt zum 30. Oktober ausgerufen haben, steht unter dem Doppelzeichen einer erfreulichen Leistungsbilanz des wiedererwachenden Sparwillens, aber auch der mahnenden Erkenntnis, daß aus diesem Anfang heraus das Entscheidende noch zu tun ist. Die 16 Mill. Sparkonten allein bei den öffentlichen Sparkassen in der Bundesrepublik (bei ihnen werden etwa zwei Drittel aller Spareinlagen unterhalten) mit einem Einlagenbestand von 4,4 Mrd. DM, die Tatsache, daß die den öffentlichen Sparkassen zufließenden Spargroschen in den letztvergangenen Monaten einen monatlichen Einlagenüberschuß von mehr als 100 Mill. ausweisen, deutet daraufhin, daß die (wohl meist aus politischen Erwägungen) so oft gehörte Behauptung, der Mann auf der Straße könne und wolle nicht sparen, eine Übertreibung oder doch zumindesten unzulässige Verallgemeinerung ist. Aber diese 100 Mill., dazu gerechnet weitere etwa 50 Mill. monatlicher Einlagenüberschüsse bei den übrigen Kreditinstituten (auf das Jahr bezogen also immerhin eine Kontensparleistung von etwa 1,8 Mrd. DM), bekommen ein anderes Gesicht, wenn man sie in ein Verhältnis zu dem Kapitalaufkommen aus anderen Quellen setzt, durch das der Wiederaufbau unseres ökonomischen Lebens ermöglicht wird.

Nach der von der Bank deutscher Länder durchgeführten statistischen Erhebung über die Finanzierung der Anlageinvestitionen im ersten Halbjahr 1952 wurden 37 v. H. der Nettoanlagen in der Bundesrepublik mit öffentlichen Haushaltsmitteln erstellt. Die Sozialversicherungen waren mit einem Hundertsatz von 6,4 beteiligt und Gegenwertmittel steuerten 3,3 v. H. zu den Investitionen bei. 46,7 v. H. aller Nettoanlage-Investitionen also wurden aus öffentlichen Mitteln (Steuern und Zwangsabgaben aller Art) bestritten, denen man zum Vergleich folgende Zahlen als vornehmlicher Beitrag des Sparers zur Investitionsfinanzierung gegenüberstellen kann: 3,8 v. H. aus Bankmitteln stammende langfristige Kredite (deren bedeutendste Grundlage die Spareinlagen sind), 2,9 v. H. Ausleihungen bzw. Baugeldzuteilungen der Bausparkassen, 2,7 v. H. Wertpapierabsatz (ohne Unterbringung bei öffentlichen Haushalten und Versicherungen) und 3,4 v. H. Kapitalanlagen der Lebens- und Sachversicherungen. Der Restposten von 40,5 v. H. umfaßt private Kredite, 7c- und 7d-Gelder, kurzfristige Bankkredite und Selbstfinanzierung. Wenn man auch unterstellt, daß hinter den aus diesen Quellen fließenden Mitteln noch manche echte Sparleistung im Sinne eines freiwilligen Verbrauchsverzichts steht, so dürfte es sich doch bei diesen Geldern in der Hauptsache in ihrer Herkunft um erwirtschaftete Überschüsse handeln, so daß wir heute vor der nicht ernst genug zu nehmenden Tatsache stehen, daß das Fiskal- und Unternehmenssparen, also jene kollektiven Formen des Zwangssparens über die Steuern und Preise, das freiwillige Individualsparen mit Längen überrundet hat – mit allen sich daraus ergebenden sozialen Konsequenzen. Denn weil sich der Mann auf der Straße durch den Sog des staatlichen und privaten Kapitals mit seinen Spargroschen von der volkswirtschaftlichen vermögensbildung auf Bruchteile abgedrängt sieht, ruft er, aus einer nicht einmal konstruierten Logik der Tatsachen, nach der Staatsrente und der Mitbestimmung ...

Diese spannungsweiten Probleme stehen hinter dem Weltspartag, ein Tag nicht nur der Mahnung an jeden, zu sparen, weil anders das Sparen (aber ohne Gegenleistung) erzwungen wird, sondern auch ernster ökonomischer und sozialer Überlegungen, die sich in dem lapidaren, aber dennoch wahren Satz zusammenfassen lassen, daß Entscheidendes für unser wirtschaftliches Schicksal davon abhängen wird, ob wir wieder ein Volk von Sparern werden. kr.