Von Helmut Kreiße!

Daß viele Menschen sich mit nichts anderem als mit der Arbeit beschäftigen können: dies sei ein heute weitverbreitetes Übel, das nicht nur für den einzelnen, sondern für die Gemeinschaft die schlimmsten Folgen habe. Es ist der Psychologe Helmut Kreißel, der diesen Satz in folgendem Beitrag begründet und Winke zur Änderung gibt, zur Erholung.

Die meisten sind zurück – sonnengebräunt, frisch aufgetankt an Leib und Seele, bereichert von den "Sonntagserlebnissen" des Urlaubs – aber andere haben vielleicht schon seit vielen Jahren auf ihren Urlaub verzichtet oder ihn nicht nutzen können, da sie nie Zeit haben, immer gehetzt sind, unentbehrlich und unersetzbar. Es sind die Rast- und Ruhelosen, vielleicht auch Mittellosen. Nicht wenige Zeichen – Krankheit und früher Tod gerade derjenigen, die unermüdlich tätig waren – mahnen uns, nicht zu vergessen, daß dem Menschen Grenzen gesetzt sind und daß wir uns hüten sollen, das Ruhen und Feiern zu vergessen, zu übersehen, daß wir mit unseren Kräften haushalten müssen.

Ein ganz wesentliches Hindernis, Zeitnot und Arbeitsüberlastung zu überwinden, ist der mangelnde Abstand von der täglichen Arbeit und damit die fehlende Gelegenheit, über den tieferen Sinn und Zweck unseres Tuns nachzudenken. Was hilft es etwa einem Menschen, wenn wir ihm sagen, er könne durch Verantwortungsabgabe die Überlast seiner Arbeit loswerden, wenn ihn sein schwaches Selbstgefühl oder sein Mißtrauen, andere könnten stärker und einflußreicher werden, davon abhält, einen Teil seiner Arbeit abzugeben? Oder welchen Zweck haben Ratschläge, das Zuviel an Arbeit organisatorisch zu überwinden, wenn der verantwortliche Mensch ein ausgesprochen betriebsames, unruhiges und sprunghaftes Wesen ist und sich aus dieser Veranlagung in seiner Arbeit übernimmt? Was nützt es schließlich, Rationalisierungsratschläge zu geben, wenn das Unterscheidungsvermögen fehlt, was wichtig und unwichtig ist?

Nicht also allein und vornehmlich die Arbeit selbst hindert uns an der Überwindung der Arbeitsüberlastung, sondern es sind unsere Eigenarten, ist unser fehlender Abstand zu uns selber. Würden wir größere Distanz zu uns selber haben, wäre uns die Beseitigung der Zeitnot keine unüberwindliche Aufgabe mehr. So kann also das Problem der Arbeitsüberlastung nur durch kritische Betrachtung unserer eigenen Natur gelöst werden.

Es kann nicht in Abrede gestellt werden, daß es eine echte Arbeitsüberlastung gibt, im Gegensatz zu der unechten, die wir eben beschrieben haben. Sie tritt gerade bei den Tüchtigsten und Besten ihres Arbeitsgebietes auf. Wer etwas kann und leistet, wird heute gebraucht und gesucht. Ihm wird alles aufgepackt, von ihm wird alles erwartet. Angesichts wirtschaftlicher Schwierigkeiten, menschlicher Not und sozialer Unzulänglichkeiten können gerade die leistungsfähigen Kräfte, wenn sie menschlich und charakterlich in Ordnung sind, nicht anders reagieren, als daß sie sich mit gesteigerter Verantwortung diesen Aufgaben stellen. Aber gerade hier ist der Punkt, wo unsere Besinnung einsetzen muß. Wer die gefährlichen Auswirkungen einer immer in Druck und Hast erfüllten Arbeit kennt, wer erfahren hat, wie jene menschlichen Kräfte, die unser Mühen erst sinnvoll machen, dabei nicht mehr wirksam sind, wie darüber die menschlichen Beziehungen zu unseren Mitarbeitern in die Brüche gehen und uns selbst die Freude an der Sache immer mehr verkümmert, der weiß, daß gerade die Verantwortung uns davor schützen sollte, mehr zu tun, als unsere natürlichen Kräfte erlauben. Und eins ist sicher: Mit einem fortdauernden Verschleiß gerade der hervorragenden Kräfte, gekennzeichnet durch häufige und tragische Todesfälle, ist auch dem öffentlichen Leben, dem Gemeinschaftsganzen nicht gedient.

Abgesehen von diesen Folgen stehen die durch Arbeit überlasteten Menschen selbst und ihre persönlichen Lebenskreise unter dem lähmenden Einfluß der Arbeitsüberlastung. Die Schwierigkeiten, die dadurch in Ehen und Familien entstehen, wirken wieder auf die Arbeits- und Leistungskraft des Menschen zurück. Wo die inneren Quellen unserer seelischen Energie versiegen oder verstopft werden, erschöpft sich die Elastizität der Persönlichkeit. Wo die Entspannung im Kreise der Nächsten fehlt, wo die Ausnutzung freier Stunden durch regelmäßigen und gesunden Schlaf, durch Spaziergänge, Wanderungen und Reisen nicht mehr gegeben ist, wo kein scheinbar nutzloses Tun mehr Platz hat, wo auch der Körper nicht mehr den nötigen Ausgleich hat, dort verbrauchen wir die geistigen und seelischen Reserven, die uns und unsere Arbeit erst wertvoll machen. Die "gehetzte Seele" wird nicht selten zu einer "toten Seele". Wenn aber dieser Zustand erst erreicht ist, dann ist es zu spät, nicht nur für den Menschen, sondern auch für die Aufgabe, an der er sich verzehrt hat. Sich erholen zu können ist ebenso eine Fähigkeit, wie arbeiten zu können. Es gibt nicht wenige Menschen von bedeutsamer Qualität, die die Fähigkeit eingebüßt haben, ihre Freizeit so auszufüllen, daß sie die dringend notwendige Erholung finden; ja es gibt den noch weitaus schlimmeren Zustand, daß Menschen mit dieser freien Zeit nichts mehr anzufangen wissen und deshalb danach trachten, jede freie Stunde mit Arbeit auszufüllen. Denn nicht jede Arbeitsüberlastung kommt von der Sache der Arbeit her, sondern von dem inneren Getriebensein des Menschen, der nicht mehr mit sich und seinen Gedanken allein sein kann.