Auch dies ist modernes Mäzenatentum –: Die „Nord friesische Reederei“ lud den in Hamburg lebenden Maler Hans-Hubertus Merveldt ein, an einer Frachterfahrt nach Griechenland und nach der Türkei teilzunehmen, während der auf der nordfriesischen Insel Sylt wohnende Maler Pohris durch die Bergbaubehörde Gelegenheit erhielt, sich unter Tage bei den Kumpels des Ruhrgebiets umzutun. Beide Künstler haben Aufzeichnungen gemacht. Hier sind Bilder und Zeichnungen Merveldts und ein Auszug seiner Notizen; in der nächsten Ausgabe der „Zeit“ werden Holzschnitte und schriftlich fixierte Beobachtungen von Pohris folgen.

Konsul Entz in Rendsburg, der Chef der „Nordfriesischen Reederei“, liebt die bildenden Künste und die Musik. Wie er den Musikern Gutes antun will (deren Kunst sich in Räumen abspielt), weiß ich nicht. Daß es für die Maler eine große künstlerische Förderung bedeutet, wenn er sie auf eines seiner Schiffe einlädt, ist erwiesen. Ein Maler (wenn er keine Spitzweg-Natur hat, und selbst Spitzveg ging auf Reisen) braucht ab und zu die Möglichkeit, sich weit von seinem Atelier, wo heutzutage die Gefahr des Grübelns und der Erstarrung wohnt, zu entfernen, – Von den Hamburger Malern hat Tom Hops eine solche zwei Monate dauernde Reise mitgemacht; Kronenberg wird nächstensfahren. Aber an Bord der „Lystum“ hörte ich noch, daß solche Einladungen an Maler offenbar eine gewisse hanseatische Tradition haben. Es gibt viel echte, wenn auch nie plakatierte Kunstliebe in den Hafenstädten. Daher findet man in manchen Häusern der Reeder und Großkaufleute hervorragend schöne Bilder. Und daher wohl wird auch ein Maler an Bord der „Lystum“ nicht als ein Kuriosum betrachtet, nicht als Faulenzer oder Störenfried. „Wir malen selber den ganzen Tag“, sagte kollegial ein Leichtmatrose. Tatsächlich sind sie immerfort mit Farbtopf und Pinsel unterwegs – oder sie schrubben und putzen, als wollten sie die Strecke nach Izmir auf den Knien zurücklegen...

Die „Lystum“ (dies ist der alte Name des nördlichen Sylt-Städtchens List) trägt 3500 Tonnen, wurde 1950 gebaut und hat 29 Mann Besatzung, die man Tag für Tag mehr bewundern muß: Bei aller Arbeit herrscht ein humorig-nüchterner Ton, den Kapitän Jensen anschlägt und noch vom Schiffsjungen verstanden wird. Ich hatte für den Umgang mit Seeleuten ein Rezept mit auf die Fahrt bekommen: „Alles schön finden!“ und sagte es ihnen. Sofort entstand ein neuer allgemeiner Slogan: „Alles schön finden!“ Ein Wort, daß sie sowohl mit listiger Ironie wie mit humorvollem Optimismus anzuwenden wissen. Paßt immer ... Nachzutragen ist, daß die Schiffe „unserer“ Reederei alle sehr friesisch heißen: Morsum, Keitum, Hörnum und so weiter. Die „Lystum“ unterscheidet sich von ihren Schwesterschiffen dadurch, daß sie im Rufe steht, ein „Schönwetterschiff“ zu sein. Mag vorher irgendwo „Windstärke 10“ geherrscht haben – wenn die „Lystum“ kommt, herrscht Sonne, herrscht Friede...

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Wir sollen „Ausstellungsgut“ nach Izmir, dem alten Smyrna, bringen. So stehen auf Deck, sorgfältig vertäut, Autos von Mercedes und Opel, landwirtschaftliche Maschinen aus Köln – Deutz und Hannover. Als Algier in Sicht kommt, wo ich vor vielen Jahren eine lange Weile und nicht die langweiligste Zeit meines Lebens verbracht habe, höre ich, daß dies ein „unsicherer“ Hafen sei: die Spinde werden verschlossen, die „Schotten dicht gemacht“. Die türkischen Häfen gelten als „sicher“: man schließt nichts ab, während manche anderen Häfen in der internationalen Seemannswertung nicht den Rang „ganz sicher“ einnehmen.

Unter den deutschen Seemannsbräuchen ist eins erstaunlich, ja unbegreiflich: auch bei 40 Grad Wärme im Schatten ändert sich der norddeutsche Speisezettel nicht. Eisbein und Sauerkraut als Sonntagsmahl in orientalischen Breiten oder Erbsen mit Speck ... oder (nicht als norddeutsche, sondern wohl eher als „Lystum“-Spezialität) Rollmops mit Preißelbeeren ... Viel eher verständlich war, daß die „Keitum“, die wir in klassisch-heißen Gewässern trafen, uns, dem Schwesterschiff, zufunkte: „Wir haben Durst; wir wollen Bier.“ Wir lagen in respektvoller Entfernung voneinander, und ein Boot spielte den Boten.

In Izmir war Gelegenheit, die Ausstellung zu sehen, die wir beliefert hatten: Ein westdeutscher Pavillon, der Aufsehen erregte und wegen der ausgestellten Maschinen ständig von Messegästen belagert war. Ein amerikanischer Pavillon, in dem – ganz unamerikanisch, eher deutsch, wie uns schien – Spielsachen, Kinder-Eisenbahnen und dergleichen zu sehen war. Und abseits der Sowjetzonen – Pavillon: zwar versehen mit schwarz-rot-goldenen Fahnen, aber steif und klobig, protzig und doch zugleich ärmlich. „Russische Grüße aus Sachsen“, sagte mein Begleiter...