Von Dr. Hanns Seidel, Bayerischer Staatsminister für Wirtschaft

Nach einem jahrzehntelangen Prozeß fortschreitender Industrialisierung wird Bayern auch heute noch mitunter als Agrarland betrachtet. Das mag in der Tatsache begründet sein, daß das ernährungswirtschaftliche Fundament des Landes erhalten blieb und nach der beträchtlichen Schmälerung der westdeutschen Versorgungsbasis durch Abtrennung der deutschen Ostgebiete sogar an relativem Gewicht gewonnen hat. Ungeachtet dessen hat sich das wirtschaftliche Strukturbild Bayerns durch das Erstarken der Industrie von Grund auf geändert. Während nämlich die Landwirtschaft heute fast, den gleichen Beschäftigungsstand wie vor 70 Jahren aufweist, ist er in Industrie und Handwerk auf das 3,5fache angewachsen. Damit ist die Industrie – neben Landwirtschaft, Handwerk und Fremdenverkehr – zur stärksten Säule der wirtschaftlichen Existenz Bayerns geworden.

Die Bevölkerungszunahme, die schon in den vergangenen Jahrzehnten der wachsenden Industrie die Arbeitskräfte lieferte und sie zugleich durch den steigenden Güterbedarf vorantrieb, hat auch nach dem zweiten Weltkrieg der Industrialisierung neue kräftige Impulse gegeben. Nur die Industrie war bei entsprechender Ausweitung ihrer Produktionskapazität imstande, dem Zuwachs von 2,18 Millionen Heimatvertriebenen und Ostflüchtlingen, das sind 30 v. H. der früher ren Bevölkerungszahl, wirtschaftlich zu assimilieren. Es war deshalb das elementarste Anliegen der bayerischen Wirtschaftspolitik nach dem Kriege, die Industriewirtschaft zu stärken und auszuweiten. Alle Einzelmaßnahmen auf den Gebieten der Steuerpolitik, der Gestaltung der Güterverkehrstarife, der Investitionspolitik, der Exportförderung, des Wohnungsbaues usw. waren letzten Endes diesem Ziel untergeordnet. Es ist bis heute zu einem großen Teil erreicht worden. Die Zahl der Industriebetriebe und der industriell Werktätigen hat erheblich zugenommen. Bayern ist – bis zur staatlichen Zusammenfassung der früher selbständigen Bundesländer Württemberg und Baden – nach Nordrhein-Westfalen das zweitstärkste Industrieland der Bundesrepublik gewesen. Die räumliche Streuung der Industrie hat sich durch Neugründung von Betrieben in Klein- und Mittelstädten sowie zahlreichen Landgemeinden erheblich verdichtet; blühende Industriezentren sind insbesondere im Zuge der Ansiedlung von Flüchtlingsindustrien und der Betriebsverlagerung aus Ostdeutschland und Berlin in einer Reihe von Landkreisen mit staatlicher Förderung emporgewachsen.

Die Richtung, in der die Industrialisierung vorangetrieben wurde, war durch die natürlichen Gegebenheiten und Standortbedingungen der bayerischen Wirtschaft vorgeschrieben. In offener Diskrepanz zu dem überhöhten Arbeitskraftpotential steht der Mangel an industriellen Grundstoffen; Kohle und Erze, die das Gerüst jeder Industriewirtschaft bilden, fehlen fast vollständig. Ein weiteres entscheidendes Moment, das die Industrialisierung in eine bestimmte Richtung drängte, ist die Verkehrslage Bayerns am äußersten Rand des westdeutschen und westeuropäischen Wirtschaftsraumes. Es ist durch den Eisernen Vorhang nicht nur von dem früher sehr regen Warenaustausch mit Mitteldeutschland und Schlesien abgeschnitten, sondern auch seiner natürlichen Märkte in Südosteuropa, für das Bayern der Brückenkopf des deutschen Südosthandels war, beraubt worden. Die bayerische Wirtschaft mußte sich infolgedessen weit stärker nach dem Westen orientieren, als es der geographischen Lage entspricht. Sie mußte dabei den Nachteil der größeren Entfernung zu den westdeutschen Kohle- und Eisenrevieren, zu den dichtbevölkerten Absatzmärkten Westdeutschlands und zu den Seehäfen in Kauf nehmen.

Diese dominierenden Faktoren: der Überfluß an Arbeitskräften, der Rohstoffmangel und die Verkehrsferne haben von Anfang an im Gepräge der bayerischen Wirtschaft ihren Ausdruck gefunden. Als sie nach dem Krieg verstärkt in Erscheinung traten, formten sie das Strukturbild nur noch schärfer aus. So ist Bayern zu einem Land der Verarbeitungs- und Veredlungsindustrie geworden, die überwiegend die Herstellung lohnintensiver, hochwertiger, exportfähiger Fertigwaren betreibt und darin von der staatlichen Wirtschaftspolitik nachdrücklich gefördert wird. Fast vier Fünftel der industriell Beschäftigten sind mit der Produktion von Fertigwaren des Verbrauchs- und Investitionsgütersektors befaßt. Nur 21 v. H. arbeiten in der Grundstoff Produktion, d. h. in der Förderung und Erzeugung von Kohle, Mineralien und Grundchemikalien sowie in der Fertigung von Investitionsgüter-Halbwaren, also in der Steine-und-Erdenindustrie, in Sägewerken und in der Eisen- und Metallerzeugung. Innerhalb der Fertigwarenindustrie dienen zwei Drittel der Arbeitskräfte der Verbrauchsgüterproduktion, die übrigen der Herstellung von Investitionsgütern.

Nur einige Produktionszahlen sollen andeutungsweise den Fortschritt der Industrialisierung belegen. Für diesen Zweck genügt an sich der Hinweis, daß sich die Energieerzeugung ebenso wie das arbeitstägliche Produktionsvolumen der allgemeinen Produktionsgüterindustrie im Vergleich zum letzten normalen Vorkriegsjahr (1936) verdoppelt hat. Die Investitionsgüterindustrie hat einen Ausstoß erreicht, der zeitweilig bereits um 50 v. H. über dem damaligen Niveau liegt; die Fertigwarenerzeugung der einschlägigen Industriegruppen konnte im Jahresdurchschnitt 1951 sogar auf über 170 v. H. des Vorkriegsstandes erhöht werden. Wenn demgegenüber die Verbrauchsgütererzeugung nur um etwa ein Fünftel gestiegen ist, so kann daraus der Schluß gezogen werden, daß sich die schon seit langem beobachtete Verschiebung des Schwergewichts vom Verbrauchs- zum Investitionsgüterbereich auch heute fortsetzt.

Die Nachkriegsentwicklung wäre unvollständig skizziert ohne die Erwähnung einiger Wirtschaftszweige, die ihr Produktionsvolumen weit über den Durchschnitt steigern konnten. Zu ihnen gehören unter anderem die Industrie der chemischen Grundstoffe, die Kautschukindustrie, der Maschinenbau, die feinmechanisch-optische Industrie und die Hohlglaserzeugung, die heute eineinhalb bis zweimal so viel Erzeugnisse auf den Markt bringen wie vor dem Krieg. Sie werden indessen noch übertroffen durch die Elektrotechnik und den Fahrzeugbau, deren Produktion auf das Dreifache angewachsen ist, und die Industrie der synthetischen Fasern, die sogar das vier- bis fünffache Produktionsvolumen eines normalen Vorkriegsjahres aufzuweisen hat. Wenn auch diese Produktionsausweitung nicht in allen Industriesparten auf eine Erhöhung der Produktionskapazität zurückzuführen ist, so zeigt sie doch, daß die bayerische Industrie weit über ihre Vorkriegsleistungen hinausgewachsen ist.

Sie hat damit zur Wiederherstellung des gestörten wirtschaftlichen Gleichgewichts beigetragen. Die breite agrarische Versorgungsbasis des Landes, die starke Durchsetzung seiner Wirtschaft mit handwerklichen und gewerblichen Klein- und Mittelbetrieben und die harmonische Verteilung der Erwerbstätigkeit auf die verschiedenen Wirtschaftszweige hatten vor dem Krieg die wirtschaftliche und soziale Ausgeglichenheit Bayerns begründet. Es ist das Ziel der bayerischen Wirtschaftspolitik, diese Voraussetzungen einer stetigen Entwicklung in Anpassung an die veränderten Nachkriegsverhältnisse wieder zu schaffen.