Von Paul Herrmann

Viele Abenteuer und Umwege, viele Entdeckungen und Irrtümer waren nötig, bis auch nur die elementarsten Tatsachen der Geographie sicher ermittelt waren. Viele mühselig erlangten Kenntnisse gingen spurlos verloren, viele falsche Vorstellungen hemmten auch die Wissenschaft über diesen verwickelten Prozeß der Entstehung unseres Erdbildes berichtet das nach einem alten Seemannsspruch benannte Buch „7 vorbei und 8 verweht (Das Abenteuer der frühen Entdeckungen)“ von Paul Herrmann, das dieser Tage im Verlag Hoff mann und Campe, Hamburg, erscheint Wir bringen. daraus als Probe die Geschichte von der Auffindung des sogenannten „Runensteins von Kensington“, der beweist, daß Skandinavier um 1360 einen Zug ins Innere Nordamerikas unternommen haben und vor Kolumbus den fremden Kontinent betraten.

Funkensprühend schlug die Spitzhacke mit Schwung aus dem Boden zurück. Ärgerlich fuhr sich der Mann über die schweißnasse Stirn. Verdammt heiß dieser August 1898! Und nun steckte auch noch irgendein Stein da unten, das konnte eine schöne Schinderei werden! Aber weg mußte der Baum, dessen Wurzeln er hier anlüftete: Es war schade drum, ein prächtiger Baum! Schlank und gerade wie ein Mast und sicher seine sechzig, siebzig Jahre alt. Obgleich Espen lange nicht soviel Schatten warfen wie andere Bäume, es ging nicht, nein, es ging nicht! Gerade hierher sollte der Gemüsegarten kommen, da brauchte es Sonne. Noch einmal die Spitzhacke! Wieder sausten Funken. Holla, das war ja ein ordentlicher Block da unten! Nun mußte das Grabscheit her, nun mußte man abtasten, was da eigentlich war. Mit steigender Sonne hatte der Mann es geschafft. Sandüberkrustet lag ein rechteckiger, etwa 80 cm langer, 40 cm breiter und 15 cm dicker, merkwürdig regelmäßiger Stein am Rande des Grabloches. Lange mußte er da unten gesteckt haben, dieser Klotz! Rechts und links an seinen Schmalseiten umgaben ihn die Wurzeln des alten Baumes, ganz abgeplattet von dem Druck des Steines. Der mußte schon da unten gelegen haben, als das Saatkorn der Espe sich in den Boden gesenkt hatte.

In der glutenden Hitze dieses Augustnachmittags dauert es nicht lange, bis der Sand, der den Block überzogen hat, getrocknet ist. Er fällt ab, als der Mann den Klotz aus dem Wege wälzt, und – nanu, was war denn das? Das sah ja aus wie Schriftzeichen, was da hervorkam, Schrift, in den Stein gemeißelt – mein Gott, das waren ja Runen!

Tief betroffen war er, unser Mann. Denn als Kind, lange, lange, bevor er über das große Wasser ging und sich hier in Minnesota die Farm kaufte, da hatte er Runen gesehen. Zu Hause war das gewesen, in Helsingeland in Schweden, wo er geboren und zur Schule gegangen war. Da hatte ihm der Lehrer im Museum einmal einen Runenstein gezeigt und hatte von den Alten erzählt die Runen in Buchenstäbe geschnitten und die in Skandinavien und im großen Rußland und in Dänemark und weiter unten, in Deutschland, Steine gesetzt hatten mit Runeninschriften, als Zeichen ihrer Anwesenheit. Runen! Richtig, in Großvaters Kalender waren auch Runen gewesen. Die hatten sie da hineingesetzt für die alten Leute, denen es wohltat, wenn von vergangenen Zeiten die Rede war.

Wie Rührung und Heimweh stieg es hoch in dem Mann. Runen! Das mußte er seinem Jungen zeigen der ja nichts wußte von der alten Heimat drüben. Und die Nachbarn erst! Es saßen viele Schweden ringsum. Sicher hatten sie damals als Kinder zu Hause auch einmal Runen gesehen. Was die Augen machen würden! Das war ja ein richtiger langer Text. Laß einmal sehen: eins, zwei, drei, vier... neun Zeilen waren das, und da, an der Längsseite, waren auch noch einmal drei lange Zeilen.

Olaf Ohman rief seinen Sohn. Er schickte den Knecht zu den Nachbarn. Sie wunderten sich sehr. Wie kamen diese Runen hierhier, hier, mitten in den USA, 1500 km vom Atlantischen Ozean entfernt, hier in Salem bei Kensington in Minnesota, unmittelbar westlich der Großen Seen?