K. W. Berlin, Ende November

Ein neuer Autor und ein Erfolg: das ereignet sich so selten, daß man es verzeichnen muß. Rolf Honold heißt der heute Dreiunddreißigjährige, und das Stück, das einschlug, „Der Stoß nach Ssogrebidsche“.Es ist ein Kriegsstück aus den letzten sinnlosen Tagen des inneren und äußeren Durcheinanders, ein legitimer Nachfolger der Stücke, die der Wahrhaftigkeit zum Durchbruch verholfen haben. Was bisher an dramatischer Analyse des zweiten Weltkrieges sichtbar wurde, hatte kaum eine neue Kontur. Mit Appellen und Anklagen lassen sich diese Jahre nicht mehr korrigieren. Honold sucht auch nicht nach einem larmoyanten Pazifismus oder einer postumen Attacke. Er stellt Menschen hin, die, mit oder ohne Ritterkreuz, resigniert hin- und herschwanken zwischen Befehlsgehorsam und freiem Entschluß, zwischen Pflichtsentiment und menschlicher Angst. Menschen, denen die Uniform nicht mehr paßt, die aber allesamt keine Revolutionäre sind. Sie tun Sinnloses mit schlechtem Gewissen, aber sie sind hin- und hergeworfen zwischen der besseren Einsicht und der Kameradschaft gegenüber dem, der überhaupt keine Wahl hat.

Der Dichter hat seiner Szene viel äußerliches Beiwerk mitgegeben, viel Lärm, Schießerei und Explosion, die die inneren Vorgänge bisweilen zu abrupt abschließen. Aber da er zum Schauplatz die Auflösung nahm, ist dieser dem ex machina völlig legitim. Denn Zeit und Gelegenheit, die vielen menschlichen Erkenntnisse der letzten Stunden durchzudenken, blieb ja nicht. Das letzte Wort des Schauspiels heißt „Wahnsinn“. Der Obergefreite stößt es heraus, als er sieht, daß die sowjetischen Truppen den Ort in Brand schießen, den die Partisanen gerade erhalten wollten.

In einer Studio-Aufführung, die viele reguläre Inszenierungen dieses Theaters an Dichte der Darstellung weit hinter sich ließ, bereichert das Theater am Kurfürstendamm das Thema „Zeitstück“ um eine neue, offensichtlich positive Nuance.