Wenn man auf das vergangene Jahr zurückblickt, so kann man – auf der Höhe einer kleinen, seit Sommerende sich zeigenden neuen "Zwischenbelebung" in den Konsumgüterindustrien – mit Genugtuung feststellen, daß dieses Jahr (in der Bundesrepublik wie allgemein in der gesamten westlichen Welt) konjunkturell gesehen mit einigen Sorgen begonnen worden ist, aber befriedigend geschlossen hat. Die Erlahmung des ersten Halbjahres ist überwunden und die konjunkturelle Gesamtbilanz ist gut.

Besonders die westdeutsche Wirtschaft hat die Atempause, nach der vorherigen Übersteigerung der konjunkturellen Entwicklung, auch 1952 wieder weitgehend zur Festigung ihres inneren und äußeren Gleichgewichtes ausgenutzt. Dies zeigte sich vor allem in der zunehmenden Stabilisierung des allgemeinen Preisniveaus. Das Engpaßproblem verlor als Hemmnis der Investitionen im Laufe des Jahres überhaupt an Bedeutung. Auch das äußere Gleichgewicht wurde durch Ausfuhrsteigerungen im Frühjahr und Sommer dieses Jahres bei rückläufiger und dann nur langsam zunehmender Einfuhr weiter gefestigt.

Bis zur Jahresmitte jedoch waren die vor allem von der Außenwirtschaft ausgehenden Auftriebskräfte durch Gegenkräfte aufgewogen worden; besonders der private Verbrauch blieb Verhältnismäßig niedrig. Die dadurch verstärkte Zurückhaltung in den Lagerdispositionen des Handels hatte in der Verbrauchsgütererzeugung sogar zu einem, deutlichen konjunkturellen Rückgang geführt.

Ab Jahresmitte aber vollzog sich ein grundlegender Wandel: Der Verbrauch belebte sich; hierdurch sah sich der Handel veranlaßt, die stark gelichteten Lagerbestände wieder aufzufüllen. In der Verbrauchsgüterindustrie stiegen infolgedessen die Aufträge, und bald kam es nun hier zu einer Erzeugungszunahme, die über das saisonale Maß weit hinausging. Demgegenüber begann jedoch die Investitionstätigkeit in der verarbeitenden Industrie nachzulassen. Die Aufträge aus dem In- und Auslande sanken, und die Erzeugung nahm in wichtigen Zweigen der Investitionsgüterindustrie ab. Auch die bisher von der Außenwirtschaft ausgehenden Auftriebsimpulse schwächten sich in der zweiten Jahreshälfte ab und begannen im vierten Vierteljahrsogar, sich in ihr Gegenteil zu verkehren. Bei steigender Einfuhr und unveränderter Ausfuhr entstanden jetzt Defizite gegenüber dem EZU-Raum; ihre kontraktiven Wirkungen wurden allerdings zunächst noch durch Überschüsse gegenüber dem Dollarraum abgeschwächt.

Alles in allem gesehen liegen also die konjunkturellen Auftriebskräfte in jüngster Zeit nur in der Verbrauchsgüterwirtschaft und werden wirksam in der Auffüllung der Verbrauchsgüterlager.

Vom Blickpunkt späterer Jahre wird für das konjunkturelle Geschehen des letzten Jahres in der westlichen Weltwirtschaft vermutlich jedoch ein anderer Vorgang wesentlicher erscheinen als dieser etwas gedämpfte Anfang des Jahres und sein befriedigender Abschluß: Die Tatsache nämlich, daß es gelang, die Zahlungsbilanzschwierigkeiten Großbritanniens und Frankreichs zu dämpfen und bei mäßig kontraktiven Maßnahmen zugunsten des notwendigen Zahlungsbilanzausgleichs auch in diesen Ländern den Anschluß an die Verbesserung der allgemeinen Weltkonjunktur im zweiten Halbjahr zu erreichen. Dies ist jedoch weniger den Bemühungen zu verdanken, durch Importrestriktionen die Zahlungsbilanznöte zu beheben, als der amerikanischen Hilfe, die, in Form von staatlichen amerikanischen Aufträgen und Käufen in Westeuropa und in Form von Ausgaben für amerikanisch; Truppen in Westeuropa, die Überbrückung erleichterte. Nach der deutschen Zahlungsbilanzklemme von 1950/51 ist also nun auch die britische und französische aufgefangen worden – allerdings nicht, ohne daß die Importbeschränkungen, vor allem Großbritanniens und des britischen Überseereiches, die Konjunktur der gesamten westlichen Welt doch wesentlich dämpften. Die etwas trübe Entwicklung des Welthandels in 1952 – auch im zweiten Halbjahr – und die allgemein verschüchterte Exportsituation, vor allem der westeuropäischen Industriestaaten, geben neben den zur Baisse neigenden internationalen Warenmärkten davon Zeugnis.

Der damit berührte Fragenkomplex führt den Blick in die Zukunft, in das Jahr 1953 hinein. Mit der Meisterung der deutschen Zahlungsbilanzkrise 1950/51 und der Dämpfung der britischen und französischen von 1952 ist ein Grundproblem der internationalen Konjunktur, der "Dollarmangel", angeschnitten worden, dessen Lösung für die kommende Konjunkturentwicklung entscheidend sein wird. Der Welthandel im ganzen muß weiter angeregt, eine neue protektionistische Verkrampfung unbedingt vermieden werden, und die Währungsverhältnisse müssen unbedingt, wenn auch ohne Überstürzung, einer Konsolidierung zugeführt werden. Alles dies ist jedoch unerreichbar ohne die Sicherung eines gewissen internationalen Kapitalexportes (gleichgültig in welcher Form), also eines ins Gewicht fallenden weltwirtschaftlichen Investitionsprozesses.