Das Inkrafttreten des Abkommens über die Bildung der Montan-Union am 23. Juli 1952 war der bisher bedeutsamste Schritt auf dem Wege zur Wirtschaftseinheit, aber auch gleichzeitig zur politischen Einheit Europas. Die Diskussionen, die bei der letzten Tagung des Europarates geführt wurden, haben durch die Gründung der Montan-Union ihre reale Grundlage gefunden. Sicherlich ist ein Gegensatz von Europarat und Montan-Union vorhanden – schon weil beide sich nicht nur regional, sondern auch in der Aufgabenstellung überschneiden, seitdem die Gemeinsame Versammlung der sechs Montan-Union-Länder beschlossen hat, durch Bildung der sogenannten "adhoc-Versammlung" die politische Einigung voranzutreiben. Aber in Straßburg hat man sich den Realitäten gebeugt und hat die kleineuropäische Lösung, wie sie die Montan-Union verwirklicht, anerkannt. Man läßt Klein-Europa zu und strebt lediglich eine Überdachung der kleineuropäischen Institutionen durch den großeuropäischen Europarat an, in dem dann auch Großbritannien vertreten ist. Die zweite Verbindung Großbritanniens zu Klein-Europa wird durch die Entsendung von Missionen zu den kleineuropäischen Institutionen wie der Montan-Union hergestellt. Für diese Form des Mitwirkens, die auf den Eden-Plan zurückgeht, wurde die Bezeichnung "Assoziierung" geprägt. So beginnt sich langsam über Europa ein dichtes Netz von übernationalen Einrichtungen zu legen. Entscheidend ist aber nicht die institutionelle Seite, sondern die materielle: Mit wieviel Souveränität die neuen Institutionen ausgestattet sind.

Die Grenzen der Exekutivgewalt der Hohen Behörde und damit das Maß des Souveränitätsverzichts der Montan-Union-Staaten ist im Vertrage über die Montan-Union im einzelnen genau festgelegt. So kann, um einige Beispiele zu nennen, die Hohe Behörde die Zollerhebung für Kohle und Stahl gegenüber den außerhalb der Union bleibenden Ländern regeln; sie kann auf die Investitionen der Unternehmen Einfluß nehmen (Art. 54); sie kann bei Überproduktion Produktionsquoten festsetzen (Art. 58). In bestimmten Fällen ist vorgeschrieben, den Ministerrat einzuschalten, so bei Einführung von Verwendungsprioritäten (Art. 59) oder bei Gewährung von Krediten zu bestimmten Zwecken (Art. 54/11) oder bei der Festsetzung von Höchstpreisen (Art. 61). Schließlich gibt es noch den Fall, daß die Mitgliedstaaten zwar auf einen Teil ihrer Souveränität verzichtet haben, daß aber diese Souveränität nicht der "Montan-Union-Regierung" zugewachsen ist. So haben die Mitgliederländer darauf verzichtet, auf dem gemeinsamen Markt Zölle zu erheben; damit hat die Montan-Union aber nicht das Recht erhalten, Zölle auf dem gemeinsamen Markt einzuführen.

Im Vertrag der Montan-Union ist das wirtschaftspolitische Instrumentarium, mit dem die Hohe Behörde arbeiten kann, detailliert aufgeführt:

1. sie kann "Entscheidungen" "erlassen", die in allen Teilen verbindlich sind;

2. sie kann "Empfehlungen" aussprechen, die hinsichtlich der Ziele verbindlich sind, aber die Wahl der Mittel frei lassen;

3. sie kann Stellungnahmen abgeben, die nicht verbindlich sind.

Im Gegensatz zur übernationalen "Regierung" der Montan-Union können Nordatlantik-Rat, OEEC und besonders der Europarat nichts entscheiden oder verbindlich empfehlen. Ihre Beschlüsse müssen ratifiziert, ihre Empfehlungen angenommen werden, d. h., daß umgekehrt auch die Ratifizierung verweigert oder den Empfehlungen nicht entsprochen werden kann. Obwohl also die europäischen Staaten diesen Institutionen formal nichts von ihrer Souveränität geopfeit haben, haben sie doch materiell, wie die Erfahrung gelehrt hat, bedeutenden Einfluß auf die nationale Wirtschaftspolitik der einzelnen Länder genommen und so etwas wie eine europäische Wirtschaftspolitik geschaffen.