Wer nach der Währungsumstellung seinen Kleiderschrank betrachtete, sah, ob arm oder reich, nur eine gähnende Leere. Fast die ganze für Konsumzwecke verfügbare Kaufkraft des deutschen Volkes richtete sich damals auf Lebensmittel, Textilien und Schuhe. Es kam zu dem großen Textil-Boom. Bald darauf wurde die Marktsituation durch Korea gefälscht. Ein inflationistischer Zug durchlief die westliche Welt. Ständige Preissteigerungen führen zu einer spekulativ überspitzten Lagerhaltung, die sich in Westdeutschland nicht auf ein breites Eigenkapital der Unternehmen, sondern auf Bankkredite aufbaute. Die Bremsen gegen eine weitere Inflationierung wurden mittels einer restriktiven Kreditpolitik angezogen. Die Rohstoffpreise auf dem Weltmarkt gingen zurück. Kreditkosten und Preiserwartungen standen in keinem Verhältnis zueinander. Man fing beim Handel an, von der Hand in den Mund zu leben. Die Funktion der Lagerhaltung wurde auf die vorgelagerten Wirtschaftsstufen verschoben. Sie fiel mit ihrer ganzen Schwere auf die Industrie, die in den ersten Monaten dieses Jahres in einem erheblichen Umfange auf Lager arbeiten mußte. Der Einzelhandel, der in seinem Rücken ein überaus reiches Angebot von sofort lieferbaren Waren wußte, setzte trotz einer ständig leicht ansteigenden Nachfrage den Abbau seiner Lager fort. Das führte bis in die Sommermonate hinein zu einem ungewöhnlich starken Rückgang der Aufträge bei der Konsumgüterindustrie.

Es war bereits im vergangenen Frühjahr zu erkennen, daß die von der Lagerhaltung ausgehende Flaute im Konsumgüterbereich nur von vorübergehender Dauer sein konnte und daß in dem Augenblick, in dem die Lagerbestände ein Minimum erreichten, eine Umkehr erfolgen, mußte. Das ist erwartungsgemäß in den frühen Herbstmonaten eingetreten. Mit dem herannahenden Weihnachtsfest begann auf allen Fertigungs- und Handelsstufen ein Lageraufbau, der über Nacht die Konsumgüterindustrie aus der Flaute herausführte.

Die deutsche Devisensituation, insbesondere gegenüber dem EZU-Raum, nötigte die Bundesrepublik zu einer immer stärkerer. Liberalisierung, während Frankreich und England ihrerseits die Liberalisierung einschränkten. Die notwendige Folge war, daß weiche Handelsgüter, also Konsumwaren, ziemlich ungehindert nach Deutschland hereinkamen, während umgekehrt die deutsche Ausfuhr auf immer stärker werdende Außenhandelshemmnisse stieß. Das hat die Situation der deutschen Konsumgüterindustrie recht erschwert.

Wenn man aus dem Konjunkturablauf des Jahres 1952 für die deutsche Konsumgüterwirtschaft das Fazit zieht, so kommt man zu dem Ergebnis, daß mit dem Wegfall der Lagerfunktionen des Handels eine übermäßige Konjunkturreagibilität in die deutsche Wirtschaft hineingetragen worden ist, die einer Normalisierung der Verhältnisse abträglich ist. Eine zielbewußte Wirtschafts- und Steuerpolitik muß darauf gerichtet sein, die eigenen Mittel des Handels wieder in einem ausreichenden Maße zu verstärken, damit sich bei ihm wieder echte "Eiserne Bestände" bilden, die unabhängig von Preisschwankungen aufrechterhalten werden können. Während so das Verhältnis zwischen den einzelnen Fabrikations- und Handelsstufen noch keineswegs zur Ruhe gekommen ist, haben sich im Konsumentenbereich die Dinge weitgehend normalisiert. Die Nachfrage ist, abgesehen von den üblichen saisonmäßigen Schwankungen, stabil geblieben. Es zeigt sich, daß mit der Sättigung des vordringlichen Kleider- und Schuhbedarfes nunmehr die Nachfrage ein immer breiteres Güterangebot sucht. Branchen, die in den ersten Nachkriegsjahren nicht zum Zuge kamen, wie Bücher, Schmuck, Uhren usw., stoßen wieder auf eine gleichmäßige, ständig wachsende Nachfrage. Auch die Dienste schieben sich stärker in den Vordergrund, wenn auch die im Frühsommer prophezeite Reisewelle, wie die Endbilanz des Jahres zeigt, noch ausgeblieben ist. Die Eisenbahn jedenfalls hat von einer Reisewelle nichts verspürt. Auch das Hotelgewerbe in den Erholungsgebieten ist keineswegs überall auf seine Rechnung gekommen. Einen Ausgleich hat die durch die Steuergesetzgebung bedingte Spesenwirtschaft gebracht. Viele Kur- und Badeorte wurden durch die Flut von Tagungen und Konferenzen, die einen früher nicht gekannten Menschenstrom in die Konferenzorte lockte, über Wasser gehalten.

Auch auf dem Ernährungsgebiet stößt die Nachfrage auf ein wesentlich breiteres Angebot von Gütern aller Art. Die Ernährung wird immer harmonischer. Gänzlich überwunden sind hierbei die Wunschträume der Hungerzeit jedoch nicht. So besteht noch eine merkliche Bevorzugung des Schweinefleisches, was stets einen Hinweis auf eine gerade überwundene Armut bedeutet. Das liegt nicht im Interesse unserer Agrarwirtschaft. Die Kuh und nicht das Schwein nimmt die Zentralstellung auf dem Bauernhof ein. Die Ernährungspolitik strebt deshalb eine Lenkung der Konsumgewohnheiten auf die Erzeugnisse des Kuhstalles an. Hiermit hat sie allerdings nicht immer vollen Erfolg. Das ist nicht zuletzt auf die starre, überwiegend auf eine Einkommenserhöhung gerichtete Politik der Bauernverbände zurückzuführen. Auch im abgelaufenen Jahr hat das verschiedentlich auf agrarwirtschaftlichem Gebiet, vor allem bei der Butter, zu Pannen geführt; aber auch bei Obst, Gemüse und ähnlichen Lebensmitteln zeigen sich unerfreuliche Erscheinungen. Das Streben der Bauern, die heimische Ernte abzusetzen und die Einfuhr entsprechend zu drosseln, ist an sich legitim. Es findet aber so lange kein Verständnis bei der Bevölkerung, als die entsprechenden Maßnahmen zu einer schlechteren und teureren Versorgung führen.

Die Normalisierung der Konsumgewohnheiten der Bevölkerung drückt sich insbesondere auch in einem Wachsen der Spartätigkeit aus. Es ist jedoch zu beachten, daß bis jetzt noch die absolute Zuwachsrate des Masseneinkommens – um vom freien Einkommen der Gewerbetreibenden und freien Berufe gar nicht zu sprechen – immer noch größer ist als der Zuwachs der Sparbeträge. Die Spartätigkeit der Bevölkerung hat also zu einer Dämpfung des Zuwachses, aber keinesfalls zu einer Beeinträchtigung der Konsumgüterwirtschaft selbst geführt. Waldemar Ringleb