Nach der Premiere gab es bei der offiziellen Kritik nur eine (offizielle) Meinung: man hatte einen – "ruhmreichen" Abend erlebt. Der Ruhm der Leipziger Bühne aber bestand darin, als erste in der Ostzone eine sowjetische Operette aufgeführt zu haben. Gewiß, für die Schauspielhäuser bilden sowjetische Stücke schon seit langem den Kern des Repertoires. Auf der Leinwand konkurrieren die Aktivistenfilme aus den Moskauer Ateliers mit den ebenso langweiligen Nachahmungen der sowjetzonalen Monopolgesellschaft Defa. Die Operette aber hatte bisher als Vorbild gefehlt. Nun endlich ist sie da: "Trembita" von Tscherwinski, mit der Musik des Stalinpreisträgers Juri Miljutin.

Die Leipziger können nun – sollten sie Lust dazu haben – ein paarmal wöchentlich auf der Bühne das zwei Meter lange Alphorn – eben die "Trembita" – bewundern, mit deren Klang die Bewohner eines Karpathendorfes zur Arbeit in der Kolchose gerufen werden. Die Rote Armee ist einmarschiert – man schreibt 1944 – "Kapitalisten" und "Großbauern" werden enteignet, die Huzulen, das kleine Bergvolk der Waldkarpathen, sind glücklich, Sowjetbürger geworden zu sein und gründen nun, in bunter Volkstracht tanzend und singend, die erste Kolchose. Zwar intrigiert der ehemalige Haushofmeister des entflohenen Grafen, aber der sowjetische Offizier Alexei Somow hilft der Jugend, auch gegen die Hemmungen der Alten, "den Sozialismus zu bauen".

Nun stellt sich zwar auch der Theaterbesucher in Mitteldeutschland unter einer Operette immer noch etwas anderes vor. Aber, wie beim Schauspiel und im Film, wird er sich auch hier an den "Fortschritt" gewöhnen müssen. Die Programm Zeitschrift der ostzonalen Sender, "Der Rundfunk", ruft die Librettisten auf, möglichst bald eine Operette gegen die Großbauern zu schreiben. Gegen die Bauern also, die noch zwanzig Hektar mittleren Bodens besitzen, die von jedem Funktionär als "Klassenfeinde" diffamiert werden, als "Saboteure" und "Handlanger der Kriegshetzer". Zweifellos, ein treffliches Operettenthema!

Zu den Bemühungen, eine Operette des "neuen Typus" auf die Bretter zu bringen, gehört aber auch eine Forderung, wie sie etwa in der SED-Zeitung "Märkische Volksstimme" anläßlich einer Aufführung von "Wiener Blut" durch die Landesbühne Brandenburg vorgetragen wird: den alten beliebten Operetten solle entweder ein neuer Text unterlegt werden oder der Text solle zugunsten der Musik überhaupt möglichst reduziert werden. Einen Versuch zu solch zeitgemäßer politischer Angleichung unternahm das Landestheater Sachsen-Anhalt in Halle, indem es bei "Orpheus in der Unterwelt" den Hades als Westberliner Kurfürstendamm mit Wechselstube und "Mammon-Bar" darstellte.

Deutlicher als diese grotesken Verfälschungen aber zeigen die – bisher drei – Neuschöpfungen, welchen Weg die "heitere" Muse in der politischen Propaganda gehen soll. Den Anfang machte im vorigen Winter das Ostberliner Metropoltheater mit der Operette "Treffpunkt Herz"; im Mittelpunkt der Handlung steht ein Eisenbahnaktivist und sein "Verbesserungsvorschlag". Kurz darauf folgte eine Revue von Gustav von Wangenheim "An beiden Ufern der Spree", die nach wenigen Vorstellungen wieder abgesetzt werden mußte, weil die Zuschauer ausblieben. In den vierzehn Bildern dieser "Revue" fehlte nichts, was zu einem kommunistischen Leitartikel gehört: nicht Thälmann, nicht die Sowjetunion, nicht die "Weltfriedensfront", der Arbeitswettbewerb oder das aus Polen übernommene "Dreiersystem" der Maurerbrigaden. Es gab einen "Holzhammertanz", einen "Tanz von Gramm, Sekunde und Pfennig" und Schlager wie "Du liebe kleine Trümmerfrau, enttrümmere mich, bin ich auch voller Schlacke". Vor dem Hintergrund der Stalinallee sanken sich schließlich die beiden Hauptfiguren, ein Maurer-Brigadier und eine FDJ-Journalistin in Windjacke, zum Happy-End in die Arme.

Als dritte Unternehmung der plangelenkten heiteren Muse brachte dann das Leipziger Operettentheater "Wer seine Frau lieb hat". Diese Operette, die zur Zeit auch im Staatstheater Schwerin aufgeführt wird und die ebenfalls das Fünfjahrplanmilieu mit Sitzungen der Betriebsgewerkschaftsleitung und einer Frauenkommission auf die Bühne bringt, ist für die Entwicklung des Theaterlebens der Ostzone noch sehr viel aufschlußreicher als die vorgenannten. Der Autor Josef Stauder sah sich nämlich veranlaßt, in der "Leipziger Volkszeitung" auf die Kritik einer Zuschauerin zu antworten, die nach einer Vorstellung in öffentlicher Diskussion ausgesprochen hatte, was die übrigen Zuschauer vorsichtig verschwiegen: daß nämlich, was hier auf der Bühne gezeigt wird, mit Operette nichts mehr zu tun habe. Auf diese Meinung hat Stauder jedoch nur die Antwort: "Sie wollen also den Krieg?"

Nun wird zwar kein normaler Mensch begreifen, warum jemand, der eine spritzige, unbeschwerte Operette sehen möchte, den Krieg will. Aber nach ostzonaler Funktionärspraxis wird jeder als "Kriegshetzer" bezeichnet, der eine eigene Meinung zu erkennen gibt. Dies tut zweifellos eine Theaterbesucherin, die auf der Bühne keine Planlieder hören möchte. Und also verkündet Herr Stauder: "Wer sich gefühlsselig von der Wirklichkeit ablenken läßt, darf sich nicht wundern, wenn er eines Tages mit der Maschinenpistole der imperialistischen Profitgeier erwacht." Diese Ablenkung aber geschehe in den alten Operetten, die lediglich geschaffen worden seien, um den "Ausbeutern" beim Zusammenraffen des "Mehrwerts" zu helfen.