Die Geistesarmut einer Epoche zeigt sich an der Art, wie sich die Öffentlichkeit mit Patentrezepten begnügt. Die Geburt oder der Prozeß der Idee wird nicht mehr miterlebt, es wird nur noch das Fertigfabrikat geliefert, sozusagen der Götze, und es herrscht ein geradezu polizistischer Argwohn, daß keiner den Bannkreis dieser Patentstatuten verläßt.

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Nichts ist schwieriger zu erkennen als die Welt, wie sie ist. Die Wirklichkeit ist ein Problem. Ihre lebensbestimmende Kraft transzendiert. Aber es gibt auch eine bis ins Blendwerk reichende Transzendenz überlebter, in Verwesung befindlicher Kräfte, und es findet sich auch ein Zustand vor, dadurch gekennzeichnet, daß durch Verwesung ader Zertrümmerung sich neue, nach überallhin geneigte Kräfte entbinden, die wieder dienstbar gemacht werden wollen. Das Wechselspiel all dieser in einer Art Prisma sich sammelnden Elemente macht erst das wahre Kraftfeld der Wirklichkeit aus. Das erst ist die Welt, wie sie ist, und das will erkannt sein.

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Dem Recht auf persönliche Freiheit entspricht auch ein Recht auf persönlichen Irrtum und damit ein Recht auf Erfahrung. Um sich eine eigene Meinung bilden zu können, muß man in der Lage sein, die Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten abzuschätzen sowie Schlüsse und Trugschlüsse voneinander zu scheiden. Die Fähigkeit zur Unterscheidung setzt aber die Möglichkeit zum Vergleich voraus. So gibt es verlockende Wege, die man gegangen sein muß, um zu erfahren, daß sie nur in den Sumpf oder in Sackgassen führen. Mit anderen Worten: man muß umgekehrt sein, damit man um eine Erfahrung reicher sein kann. – In Zuständen ohne Freiheit hingegen wird niemandem Gelegenheit geboten, sich Meinungen zu bilden und Erfahrungen zu machen, dort ist der Irrtum von vornherein ein Verbrechen, denn alles ist etikettiert und patentiert. Und so kann man nicht irren, sondern sich höchstens vergreifen. Es herrscht die Wollust der Rechthaberei.

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Der Geist ist nur in Form der Selbstverkörperung produktiv. Dort hingegen, wo er nicht unmittelbar aus der Sache hervorgeht, sondern wo ihm die Sache nur als Anlaß zur Selbstinszenierung dient, verliert er die Aura und Transzendenz.

Jede produktive Wirkung ist kommentarlos, weil sie letzthin ins Schweigsame strebt, gleichsam von Werk zu Werk, von Sache zu Sache, von Mensch zu Mensch. Was erklärt werden kann, wird zur Sehenswürdigkeit, es wird zum Panorama, zum Demonstrationsobjekt und verliert dadurch an Ursprünglichkeit.