Zwischen C. Virgil Gheorghiu, dem Autor des 1948 in Frankreich zuerst erschienenen autobiographischen Erfolgsromans "Die 25. Stunde" (Deutsche Ausgabe unter dem Titel "25 Uhr" in der "Deutschen Verlagsanstalt", Stuttgart), der die Tragödie des abendländischen Menschen in einer der technischen Barbarei verfallenen Zeit behandelt, und dem französischen Herausgeber dieses Buches, dem Dichter und Philosophen Gabriel Marcel, ist eine persönliche Kontroverse entstanden, die durch eine Presseerklärung Marcels auch in die Öffentlichkeit getragen wurde. In einem an den Autor gerichteten offenen Brief bedauert der Herausgeber der "25. Stunde", daß er zu dem Roman ein Vorwort geschrieben habe. Es sei, so meint er, unter falschen Voraussetzungen zustande gekommen. Gheorghiu habe ihn seinerzeit über seine politische und literarische Vergangenheit getäuscht. Er habe ihm verschwiegen, daß er der Verfasser eines 1941 in Rumänien erschienenen "antisemitischen Hetzromans" gewesen sei. "Warum", fragt Gabriel Marcel den Autor, "haben Sie nicht loyalerweise zugegeben, daß Sie im Jahre 1941 ein Freund der Deutschen waren? Die Deutschen kamen damals als Verbündete, ja sogar als Befreier zu Ihnen und es konnte für Sie nicht schockierend sein, ihnen dieses Zeugnis der Bewunderung auszustellen." Gheorghiu, so behauptet Gabriel Marcel, habe einen anderen Grund gehabt, über diese Zeit zu schweigen. Durch die "mehr als haßerfüllte" Art, in der er in seinem jetzt wieder aufgefundenen Roman "Die Ufer des Dnjestr stehen in Flammen" von den Juden gesprochen habe, sei er mitschuldig geworden "an den schrecklichen Verfolgungen, denen die Juden in Rumänien später zum Opfer fielen".

C. Virgil Gheorghiu, seit vier Jahren in Frankreich im Exil, hat inzwischen zu dieser schweren Anklage seines bisherigen Freundes mit einem ebenfalls der Presse übergebenen Schreiben Stellung genommen. Er bestreitet nicht, der Verfasser des zitierten Romans zu’sein. Aber er bestreitet, daß er die Existenz dieses Romans aus politischen Gründen verschwiegen habe. "Gabriel Marcel fühlt sich betrogen, weil ich über dieses Buch nicht mit ihm gesprochen habe. Was kann ich antworten? Ich habe über dieses wie über alle anderen Werke, die ich als zwanzigjähriger geschrieben habe – ausgenommen einen Gedichtband – Schweigen bewahrt. Nicht jeder Schriftsteller kann sich auf die Werke seiner Jugend berufen. Ich sehe hierin nichts Ungewöhnliches."

Gheorghiu verwahrt sich gegen den Vorwurf, sein früherer Roman sei ein antisemitisches Buch. Gabriel Marcel habe leichtfertig gehandelt, als er diese Behauptung aufstellte, denn er könne nicht glauben machen, daß er das Buch überhaupt gelesen habe. Was er gelesen habe, sei eine willkürliche Auswahl von zwanzig Seiten gewesen, die ihm von interessierter Seite in französischer Übersetzung vorgelegt worden sei. "Ich kenne die Bedeutung des Wortes ‚Antisemitismus‘, schreibt Gheorghiu, "und aus diesem Grunde versichere ich, daß ich niemals Antisemit gewesen bin und niemals ein antisemitisches Buch geschrieben habe."

Über die Entstehungsgeschichte seines Romans berichtet Gheorghiu, daß er ihn unter dem Eindruck der Befreiung seiner Heimat Bessarabien nach einjähriger Besetzung durch die Russen geschrieben habe. "Ich sah die Erde Bessarabiens wieder; die Dörfer waren ausgeplündert und verbrannt. Die Kirchen waren entweiht, ein Drittel der Bevölkerung erschlagen oder verschleppt. Die Kirche, in der ich in meiner Jugend gebetet hatte, war von jüdischen Schauspielern in ein Theater verwandelt worden." Unter solchen Eindrücken habe er das Buch geschrieben, das man ihm heute vorwerfe. Überall habe man ihm die Träger jüdischer Namen als Hauptverantwortliche des in Bessarabien verübten Unrechts genannt und er habe es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, dieses Unrecht zu verschweigen. "Gabriel Marcel behauptet" – so verteidigt sich Gheorghiu – "daß mein Roman ‚Die Ufer des Dnjestr stehen in Flammen‘ ein schwerwiegendes, ein äußerst schwerwiegendes und kompromittierendes Buch sei, weil es ein Unrecht aufdecke, das von Juden begangen wurde. Ich bedaure, daß alle Völker unter gewissen Umständen fähig sind, Grausamkeiten zu begehen. Aber es ist mir unmöglich, zu verstehen, warum es erlaubt sein soll, sich über das Unrecht der einen zu empören, während man das Unrecht anderer mit Schweigen übergehen muß."

Es ist verständlich, daß ein Autor, der mit einem Buch der Anklage gegen die Entwertung des Menschen in unserer Zeit berühmt wird, ein früher von ihm geschriebenes Buch vergessen möchte, das nicht nur literarische, sondern vielleicht auch menschliche Mängel aufzuweisen hat. Denn zweifellos ist es ein Unterschied, ob der Autor des Romans "Die Ufer des Dnjestr stehen in Flammen" seine Feststellung, "daß alle Völker unter gewissen Umständen fähig sind, Grausamkeiten zu begehen", heute oder im Jahre 1941 trifft.

Es wäre besser für das Ansehen Gheorghius gewesen, wenn er sich mit seinem Freunde Gabriel Marcel beizeiten darüber verständigt hätte, ob er sich wirklich antisemitischer Gesinnung schuldig gemacht hat oder nicht. Marcel gegenüber hat er jedenfalls kaum wie ein Freund gehandelt. Das ist freilich ein Vorwurf, der die Öffentlichkeit kaum etwas angeht. Aber auch Gabriel Marcel war nicht gut beraten, als er die Presse zur Hilfe rief, um einen Freund, der ihn enttäuscht hatte, zu verurteilen. Günther Steffen