Trotz vieler Enttäuschungen, die der Sparer in den vergangenen drei Jahrzehnten hat hinnehmen müssen, haben wir wieder mit dem Sparen angefangen. Die öffentlichen Sparkassen veröffentlichten vor einigen Tagen Zahlen, die aufhorchen lassen. Der 1952 erzielte Zuwachs an Einlagen auf Sparkonten (also Neueinlagen minus Abhebungen) erreichte mit einem Monatsdurchschnitt von 110 Mill. DM eine Höhe von 1,4 Mrd. DM, das sind 42 v. H. des Spareinlagenbestandes vom Jahresanfang. Die Vergleichszahl 1951 ist 526 Mill. DM. Ein spontaner Antrieb also, ein come back des Sparers, wenn man so will, wie es in dieser stürmisch zu nennenden Form wohl selbst die Optimisten nicht erwartet hatten.

Es gibt Leute, die angesichts dieser imposanten Zahlen bereits von einem "Sparwunder" sprechen. Das kann, leicht mißverstanden werden, als ob uns das so von ungefähr zugefallen sei oder wir nun schon über dem Berg wären. Bleiben wir darum bei den nüchternen Tatsachen. In England ist im vergangenen Jahr ein auffallend starker Rückgang der Spartätigkeit festzustellen. 1952 trugen die Engländer 1070 £ zu den Sparinstituten, abgehoben aber wurden in der gleichen Zeit 1096 Mill., so daß also ein Minus von 26 Mill. £ übrigbleibt. In England macht man in Vollbeschäftigung und billigem Geld, – der von Labour eingeleitete Trend ist nicht von heute auf morgen aufzuhalten. Die Deutsche Mark aber ist fest geblieben. Die Stabilisierungspolitik der Bank deutscher Länder, die der westdeutschen Wirtschaft gewiß einiges zumutete und deswegen nicht ohne Kritik blieb, kann auch die Sparerfolge des vergangenen Jahres auf ihr Konto setzen. Ihr ist es zu danken, daß sich die Preise, im Schnitt gesehen, hielten und der Bürger in der Bundesrepublik wieder wie in alten Zeiten an den Fingern ausrechnen kann, daß sich das Sparen einmal auszahlt.

Die Sparbilanz der deutschen Sparkassen hat also ihre realen Gründe. Und doch bleibt ein Rest, der mit wirtschaftlichen Tatsachen nicht ganz zu erklären ist. Die Währung blieb stabil; aber unvergessen sind noch die katastrophalen Entwertungsprozesse, die die Sparkonten mehr als dezimierten, noch ist das Unrecht der Währungsreform nicht gesühnt (wo bleibt das Altsparergesetz?) und noch verhindert der Block der die Rentabilität der Sparinstitute schwer belastenden Ausgleichsforderungen eine angemessene Verzinsung der Spargroschen. Trotz aller dieser Bremsen, so muß man also sagen, wird wieder in einem Umfange gespart, wie man es vor einem Jahre doch wohl noch nicht einmal erträumt hat, – offenbar wahrscheinlich deswegen – wie soll man sich das anders erklären –, weil der Mensch wieder mehr und mehr zu einer Haltung zurückfindet, die das unerläßliche Unterpfand einer gesunden wirtschaftlichen Aufwärtsentwicklung ist: zu dem Willen, in Eigenverantwortung für sein Schicksal wieder so etwas wie ein Vermögen aufzubauen, um wenigstens ein Mindestmaß von Unabhängigkeit gegenüber den anonymen Mächten des Staates- und der Organisationen zu behaupten, die heute dem Menschen mit dem Versprechen der wirtschaftlichen Sicherheit seine Freiheit zu nehmen drohen.

Die 1,4 Mrd., die im vergangenen Jahre von den Sparern zusammengetragen wurden, sind gewiß nur ein Pflästerchen auf die Wunde unserer Kapitalnot, zumal einiges davon lediglich hinausgeschobene Verbrauchsausgaben sein dürften, die in diesem Jahre vielleicht wieder in den Konsum abfließen. Diese eineinhalb Milliarden sind aber doch ein Symptom dafür, daß ein schon stark zu nennender Wille zum freiwilligen Sparen wieder vorhanden ist, den man als Faktum in die wirtschaftspolitischen Überlegungen einbauen kann. Für die Lösung des doch wohl brennendsten Problems unserer Zeit, wie man nämlich den entwurzelten und heimatvertriebenen Massen wieder so etwas wie ein Eigentum als wirtschaftliche und menschliche Existenzgrundlage geben kann, eröffnet sich hier eine verheißungsvolle Perspektive. Man propagiert als Ausweg aus dieser drängenden sozialen Not die verschiedensten Systeme sozialer Leistungen, die den Arbeiter und Angestellten zum Miteigentümer machen sollen, man hat die Mitbestimmung realisiert, – ein besserer und weniger problematischer Weg wäre doch wohl aber die Mobilisierung des Sparwillens – besser deswegen, weil damit Eigentum auf freiwilliger und individueller Basis geschaffen wird. Man hat behauptet, der Sparwille sei tot. Wir sehen aber, daß er lebt. Man darf sich einiges davon versprechen, wenn dieser Quell volkswirtschaftlichen Wohlstandes wieder zum Sprudeln gebracht wird.

Dazu bedarf es allerdings mehr als verklausulierter und darum unpopulärer Teilmaßnahmen. Die durch das erste Gesetz zur Förderung des Kapitalmarktes freigegebenen Steuervergünstigungen etwa für einige Gruppen festverzinslicher Wertpapiere haben bereits zu dem Ergebnis geführt, daß die in diesen Tagen aufgelegten öffentlichen Anleihen auch in vielen kleineren Beträgen gezeichnet wurden, also prompt den typischen Sparer auf den Plan gerufen haben. Wie wäre es damit, auch die anderen traditionellen Formen der Eigentumsbildung attraktiv zu machen, also den Kapitalmarkt auch wieder breiteren Schichten (mit Steuervergünstigungen und Erleichterungen anderer Art) zu öffnen? Das jetzt nicht zu versuchen, ist nun schon beinahe eine Schuld, die sich einmal rächen muß. Wolfgang Krüger