Salvador de Madariaga: Porträt Europas. Aus dem Spanischen von Herbert von Borch. (Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart, 1952, 236 S., Leinen 8,80 DM). Vielleicht konnte dieses Buch nur ein Spanier schreiben, und zwar ein Exilspanier wie Madariaga, dem die spannungsgeladene Atmosphäre internationaler Konferenzen seit langem vertraut ist. Denn wer vermag schon die feindbrüderlichen Völker Europas für die Länge eines Buches in einen gemeinsamen Raum zu stellen, in dem sie gemessen, gewogen und verglichen werden? Bei Madariaga dient die – durchweg geistvolle – Charakterisierung nur dem Vergleich, alle Wertung hingegen Europa, dem Erdteil der Individualität und der Qualität, an dem die Völker verdient und schuldig zugleich sind. Es geht recht bunt zu in dieser kollktiven Sprechstunde des alten Kontinents, aber die Schreckgespenste des Dauer-Franzosen, Dauer-, Deutschen und so weiter bleiben dem Leser erspart. Der zweite Teil führt die Völker paarweise vor, und jedes bekommt sein Fett weg, da alle an einem chronischen Mangel an moralischem Gemeinschaftsgefühl kranken. Für die These, daß die nationalen Kulturleistungen zugleich eminent europäisch sein können, ist Madariagas Buch selbst der beste Beweis. Es ist so spanisch wie europäisch gedacht und geschrieben.

Madariagas Stil ist brillant. Seine ausgefeilte raffinierte Antithesentechnick findet am Thema Europa ihr ureigenes Anwendungsfeld, und steigt zu glänzenden Formulierungen auf, wenn er sich um Don Juan, Don Quijote, Hamlet und Faust bemüht, jene "größten Gestaltungen, welche das europäische Bewußtsein seinem sokratischen Gehirn und seinem christlichen Herzen verdankt". "Hamlet sucht Freiheit von seiner Gesellschaft, und Don Quijote eine Gesellschaft für seine Freiheit." Oder: "Faust ist Geist ohne Wille, Don Juan Wille ohne Geist." Einseitig scheinbar, wie alle prägnanten Formeln, halten solche Sätze doch einen tiefen Einblick offen in einen geistigen Hintergrund, in dem sich Charakter, Geschichte und Hoffnung Europas auslegen. Mag manche Deutung Widerspruch herausfordern, mögen Historiker über die Wertung der Fakten, Philologen über die ris kanten sprachpsychologischen Urteile Madariaga, gelegentlich anderer Ansicht sein und möge manche: Zeitgenosse – nicht nur hierzulande – sich gegen allzu bittere Wahrheiten sträuben, wer zu dieser. Buch kein Verhältnis bekommt, ist für Europa verloren.

Zum Schluß noch ein Rezept Madariagas, das man mit Wehmut zur Kenntnis nimmt: "Wenn die Deutschen lernten, wie man ungehorsam ist, dann vielleicht könnte Europa gerettet werden."

Erich Köhler