Alfred Marnau: Das Verlangen nach der Hölle. Roman (mit einer Zeichnung von Oskar Kokoschka. Suhrkamp Verlag, Berlin und Frankfurt a. M., 281 S., Leinen 9,80 DM).

Kokoschka hat dem Autor dieses Romans eigen eine Zeichnung gewidmet, die eine Seite am Schluß des Buches füllt: vor dem großen Torbogen einer Ruine sitzt eine hagere Gestalt in der Mönchskutte die hohe Abts-Tiara auf dem totenähnlichen Kopf. Unter dem Bogen ein Skelett in der Andeutung eines hohen Lehnstuhls. Daneben in den Trümmern eine Ziege. Es ist keine Illustration, eher ein Versuch, den seltsamen Inhalt der Geschichte zeichnerisch auf eine Formel zu bringen. Ob es die Hauptmotive sind, die der Maler mit seiner Vorliebe für abstruse Bilderspiele eingefangen hat? Es gibt Figuren in dem Buch, die ebenso stark sprechen wie die des asketischen Abtes Ambrosius, der seinen Zuhörern zeigt, daß dem Menschen das „Verlangen nach der Hölle“ eingeboren sei, weil es ihm aufgetragen ist, die Hölle zu bestehen: der kroatische Partisanenführer Gogo (nach dem Modell Tito skizziert); sein Gegenspieler, der riesenhaft wuchtige Schloßherr Grigoroi, der im Kellergewölbe seiner Burg einen unverständlichen Kult mit der Sargwiege eines jungen Prinzen treibt (hier meldet sich von fern eine Assoziation an König Peter II. von Jugoslawien); der nach beiden Seiten spielende Hafengastwirt Petro, dem ein Ohr fehlt; die Triestinerin Ilaria, die nach dem Tod Grigorois und seiner Jäger mit einem ausländischen Brückenbauer davonfliegt.

Und dann ist da Adam Galganleugul, der „aus lauter Narrentum“ vor der Diktatur in seiner Heimat emigrierte und den Kampf, in dem alle einander zerstören, teils als Mitkämpfer, teils als skeptischer Beobachter überlebt. Unter dem Namen eines in den Kämpfen gefallenen amerikanische! Freiwilligen geht er, als die dunklen Mächte des Ostens endgültig gesiegt haben, in eine „kleine Seestadt an der Küste des Ärmelkanals“ und beklag beim Studium der in der burgundischen Gruftkirche aufgestellten alten Schilde die „Verarmung des Jahrhunderte“. Die Heimat hat ihn verloren, die zweite Heimat in den dalmatinischen Bergen ist ihn verloren. Die Juwelen des toten Grigoroi ermög lichen ihm in der flämischen Stadt, den Krämei pünktlich zu bezahlen. „Sonst hatte er nichts aufzuweisen. Sein Ansehen war gering. Er galt als einer, der völlig ausgeräumt ist, und eben darin irrten sich die Leute,“

Auch dieser Adam hat ein Modell: Alfred Marnau, Jahrgang 1918, aus Preßburg gebürtig, emigriert und mit der südslawischen Welt vertraut; lebt heute unweit des Ärmelkanals, in London. Aber sein Roman ist weder eine selbstbiographische Episode noch eine Reportage aus dem zweiten Weltkrieg. Er ist ein symbolisch-allegorisches, surrealististisch-existentialistisches, neorealistisch-neoromantisches Gebilde, dessen streng komponierter Aufbau (in dreimal sieben Szenen) merkwürdig zu der Ungreifbarkeit der vielfach verschlüsselten Personen kontrastiert. Der asketische Abt und „Jäger“ ist ein dänischer Graf, eine Gestalt aus der Welt der Mysterienspiele und ein Mann, der das Schicksal des Kardinals Stepinac vorwegnimmt. Illaria ist eine adlige Partisanin und zugleich die Hieroglyphe des Ewig-Weiblichen, das den Tod überwindet. Schwer, in diesem Flirren der Bedeutungen einen festen Halt zu finden. Der Sinn des „Verlangens nach der Hölle“ kommt in dem Labyrinth der Handlung allzuoft wieder außer Sicht.

Trotzdem ist nicht zu verkennen, daß hier eine starke erzählerische Kraft am Werke ist, die nicht den Rohstoff des Erlebens redselig vor dem Leser ausbreitet, sondern ihn inneren Formen zu unterwerfen sucht. Die nicht seltenen Banalitäten sind nur Abstürze aus der Dimension, in der ein Roman als Kunstwerk angesiedelt sein muß.

Ingeborg Hartmann