Wernicke spricht nicht mehr

Rolf Wernicke, der in der Nachkriegszeit bekannteste Funkreporter des Sports, ist zu Konstanz im Alter von nur 49 Jahren gestorben – ein großer Verlust für den Funk, der ihm stets die Berichterstattung über die wichtigsten Sportveranstaltungen übertrug. Und wenn Millionen von Hörern es beklagen, daß Rolf Wernicke nun nicht mehr spricht, so nicht zuletzt darum, weil bei keinem Sprecher so viel von seiner Persönlichkeit wirksam wurde wie bei ihm. Er hatte sehr viel Temperament, und es konnte geschehen, daß seine Leidenschaft mit ihm durchging (was ihn gelegentlich zu Äußerungen verführte, die ihm öffentlich angekreidet wurden). In Wirklichkeit war er ein sensibler, kultivierter Mensch, der nicht so sehr Sportsmann als Künstler war. Ja, daß er Spezialist der Sportschilderung wurde, war für Wernicke, der lieber auf der Bühne und im Film zu Erfolgen gekommen wäre, eher ein Zufall. Er war kein Sportsmann von Natur, und er schilderte die Geschehnisse des Sportes lebendiger als die sportlichen Regeln, und eben dies unterschied ihn von der Mehrzahl der Funksprecher dieses Faches, die allzu oft versucht sind, als geschwätzige Kritiker und Beckmesser denn als darstellende Zuschauer aufzutreten.

Wernicke hat sich übrigens auch als Schriftsteller versucht, aber er merkte selbst: die „Schreibe“ ist keine „Rede“, und seine Sache war die improvisierte mündliche Darstellung. Er gehörte zu den in Deutschland sehr seltenen Begabungen, denen die liebenswürdige Kunst des Plauderns verliehen war, verbunden mit einer Geistesgegenwart und einem intellektuellen Witz, die ihm die Stimme auch dann nicht verschlagen ließen, wenn er, der Sensible, angesichts einer überraschenden, wohl auch rüden Begebenheit der Sportarena erschrak.

„Ich würde viel lieber Alltäglichkeiten beschreiben, Idyllen, kleine Episoden, in denen das Leben rührend oder heiter bemerkbar ist“, sagte er einmal. – „Die Zeiten sind nicht danach, lieber Wernicke“, lautete die Antwort. Und da erzählte er eine Menge feinsinniger, humor- und lebenserfüllter Beobachtungen, die, wenn er dergleichen auf ein Rundfunkband hätte sprechen dürfen, ihm ein besonders schönes Andenken gesichert hätte: das Andenken an einen Geist voller Frische und Poesie.

M.

Wir werden hören:

Donnerstag, 15. Januar, 23.15 im NWDR: