Der Begriff des Klassischen, hat in Deutschland seltsame Entstellungen erfahren, während er bei den Romanen und den Angelsachsen bis heute seine ursprüngliche Bedeutung gewahrt hat. Bei ihnen gelten als "klassische" Autoren diejenigen, deren Werk durch Reife der Form und Persönlichkeit der Aussage bei der Nation als musterhaft fortlebt und fortwirkt. Bei uns hingegen ist Goethes irreführendes Wort, daß "das Klassische das Gesunde, das Romantische das Kranke" sei, so oft und so lange nachgebetet worden, bis jedermann überzeugt war, Klassik sei ein bestimmtes System von formalen Gesetzen. Dadurch wurde die Illusion gefördert, daß nur Werke einer schon abgeschlossenen Epoche klassisch sein könnten, und so kam die vollends alberne Unterscheidung zwischen "klassisch" und "modern" in Schwang, die sich dem Unterschied von tot und lebendig bedenklich nähert.

Hier nun haben die zwölf Jahre der Abkapselung des deutschen Geisteslebens einen Wandel bewirken können. Sehr viele bedeutende Gestalten und Werke lebender Deutscher wurden in der Zeit nach 1933 dem innerdeutschen Bewußtsein entrückt und blieben auch nach 1945 noch geraume Zeit verschollen. So kam es, daß viele jüngere deutsche Autoren ihre bestimmenden Eindrücke von draußen empfingen (von Ubersetzungen Hemingways, Sartres, T. S. Eliots) und nicht von denen, die ihre Vorgänger in Deutschland gewesen waren: von Georg Kaiser, Joseph Roth, Walter Mehring, von Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Leonhard Frank, um nur ganz wenige derer zu nennen, die erst allmählich heute wieder ins Bewußtsein ihrer verlorenen Leser und (was vielleicht noch wichtiger ist) ihrer verlorenen Nachfolger treten, nun aber auch zugleich ganz unmerklich in den Rang klassischer deutscher Autoren gerückt sind – nämlich solcher, denen gleichzukommen das vergebliche und fruchtbare Streben jedes Jüngeren sein muß, der ernst genommen werden will.

Franz Kafka in diesem Zusammenhang zu nennen, ist kaum noch nötig. Sein Ruhm kam fast gleichzeitig mit der Re-education. Immerhin ist es wichtig zu wissen, daß für die "Gesammelten Werke" (bei S. Fischer, Frankfurt a. M.) auch nah den "Briefen an Milena die Willy Haas herausgab, weitere Bände vorbereite’ werden. Ausdrücklicheren Hinweis verlangt schon die ständig forschreitende Gesamtausgabe Hugo von Hofmann;thals ("Gesammelte Werke in Einzelausgaben’, ebenfalls bei S. Fischer, Frankfurt a. M.). Sie ist jetzt bis zum Bande "Prosa III" (525 S., Leinen 19,80 DM) gekommen, der Essays, Porträts, Kritiken und aktuelle Glossen aus den Jahren 1908 bis 1920 enthält, also ebensowohl die Kriegsaufsätze wie die Äußerungen über den "Rosenkavalier", de "Ariadne auf Naxos" und den "Jedermann". Daß diese Prosastücke von unvergänglicher Gescheitheit der Empfindungen und der Diktion nun kritisch herausgegeben werden konnten, ist – ähnlich wie bei Kafka – einer Kette von Glückszufällen zu verdanken, die den Nachlaß Hofmannsthals an vielen Umwegen nach Chikago gelangen ließ, wo Herbert Steiner seitdem die Publikation besorgt.

Genf–Philadelphia–Rom sind die Stationen auf der Wanderschaft des Nachlasses von Robert Musil gewesen, von dem Adolf Frisé jetzt als ersten Band der "Gesammelten Werke in Einzelausgaben" das Torso gebliebene Haupt- und Kardinalwerk "Der Mann ohne Eigenschaften" in Musils altem Verlag Rowohlt, Hamburg, veröffentlichen konnte (1672 S. auf Dünndruckpapier, Leinen 42,– DM). Frisés Ausgabe ist auch für die wenigen unentbehrlich, die die 1930, 1932 und 1943 erschienenen Bände besitzen; denn sie enthält weitere 50 Kapitel aus dem Nachlaß und eine Reihe von Studien, Entwürfen und Notizen, die den ebensowohl biographischen wie zeitgeschichtlichen Gehalt dieses unerschöpflichen Werkes – wohl des ersten ganz romanhaften Rbmans der deutschen Literatur überhaupt – beleuchten.

Musil sei der "exakteste Schriftsteller in der Literaturgeschichte", hat Hermann Broch gesagt. Dessen "Gesammelte Werke", einschließlich des Nachlasses (in New York) und der Briefe, bereitet der Rhein-Verlag in Zürich vor. Davon erschien jetzt die Trilogie "Die Schlafwandler von 1931 (687 S., Leinen 25,– DM) – in seinem großatmigen, barocken Ton ein mächtiger Gegensatz zu Musils urbaner Genauigkeit.

Bei Kafka, Hofmannsthal, Musil, Broch ist Vollständigkeit der Ausgaben geboten. Bei nicht wenigen der schon früher als solche anerkannten Klassiker wird eine Auswahl des Wesentlichen genügen müssen – es sei denn, das Werk sei so schmalen Umfangs wie das der Annette von Droste-Hülshoff, das Clemens" Heselhaus in einem der schönen Dünndruckbände des Carl Hanser Verlags,

München, komplett vorlegen konnte ("Sämtliche Werke", 1109 S., Leinen. 17,80 DM) eine Edition, deren besonderes Verdienst darin liegt, daß sie Annettes Gedichte in der Reihenfolge der Entstehung, also als Denkmal der gläubigen Existenz anordnet. Anders mußte Gerhard Fricke mit Friedrich Hebbel verfahren, in dessen "Werken in zwei Bänden (ebenfalls bei Carl Hanser, München, 838 und 711 S., Leinen 28,50 DM) für Drama, Lyrik und Essayistik auf manches minder Bezeichnende verzichtet ist, um Platz zu gewinnen für eine Auswahl aus den Tagebüchern und den Briefen, die Hebbels einsames Existieren dem Heutigen so besonders erregend erscheinen lassen.

In England, wo man den Begriff des Klassischen niemals so eingeengt hat wie bei uns – schon darum nicht, weil Shakespeare der Gegenpol zum Klassizismus ist –, in England ist Katherine Mansfield, die 1923 mit fünfunddreißig Jahren starb, längst als unerreichte Klassikerin der short story anerkannt – der "Kurzgeschichte", die im Unterschied zur Novelle nicht auf eine "unerhörte Begebenheit" zugespitzt ist, sondern in einem scheinbar willkürlichen Ausschnitt aus dem Alltag das Gleichnis des Lebens einfängt. Bei der Mansfield ist es ein bitteres, süßes Gleichnis, schwebend und hauchzart. Dergleichen wurde nicht wieder geschrieben. Seltsam, daß erst jetzt eine deutsche Ausgabe erscheint, die einen großen Teil der drei englischen Bände enthält (und von Herberth und Marlys Herlitschka ein klein wenig zu knöchern, aber im ganzen treffend übersetzt ist): "Seligkeit und andere Erzählungen" (im Verlag der Arche, Zürich, und Nymphenburger Verlagsbuchhandlung, München, 410 S., Leinen 16,80 DM). C. E. L.