Romantische Requisiten als Realität

Von Paul Hühnerfeld

Steigen Sie nicht in Mostar aus", sagte der Apotheker zu uns, der vom jugoslawischen pharmazeutischen Kongreß in Dubrovnik nach Hause fuhr, "fahren Sie durch bis Sarajewo. Mostar ist ein langweiliges Provinznest." Wahrhaftig, es sah ganz so aus: am Zuge glitten weiß gekalkte Neubauten vorbei, die in Jugoslawien schon nach einigen Jahren verwahrloster aussehen als die herzegowinischen Steinhütten, die unser Zug noch eben passiert hatte; dann kam ein Flugplatz: zwei rote Hallen, ein startender Doppeldecker, eine deutsche Ju 52 auf dem Rollfeld ... "Nix Romantik", sagte der jugoslawische Apotheker gutmütig lächelnd, "nur Militär und Schmutz. Romantik erst in Sarajewo, extra wieder aufgebaut für Touristen im Türken viertel."

Durch den Schmalspur-D-Zug lief ein Beben. Mitteleuropäische Eisenbahnen zittern nur sanft, wenn sie stoppen: dieser rüttelte seine Passagiere und pfiff dabei gleichzeitig aus dem breiten Schornstein der kleinen Lokomotive, die uns wie ein aus Hollywood geliehenes Wildwestrequisit vorkam; wir liefen in der Station Mostar ein. Der Apotheker zuckte lächelnd mit den Schultern, als er sah, wie wir unsere Koffer aus dem Netz nahmen.

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War sie "romantisches Requisit", aufgebaut vom "Putnik" für die wenigen Reisenden, die hier ausstiegen, oder war sie echt? Sie hockte in der Bahnhofshalle auf den schmutzigen grauen Fliesen und war genau das, was man sich in Berlin oder Hamburg, Paris oder Stockholm unter "verwahrlostem Balkan" vorstellt: eine Frau nicht abzuschätzenden Alters, in zerrissene Säcke gehüllt, braungraue Fußlappen starrten aus aufgeweichten Opanken. Doch ging ihre Ähnlichkeit mit jenen Bildern auf Prospekten und mahnenden Plakaten, notleidende Völker nicht zu vergessen, in die völlige Identifizierung über, sah man genauer hin, dann entdeckte man nämlich, daß sich ein Teil der Sacklappen belegte: das war ein Kind, das sie an ihrer Brust hielt und das nun, da die Reisenden vor ihm standen, leise zu wimmern begann.

Heute ist mir begreiflich, warum wir vor Wochen in Mostar kein Mitleid empfanden, wir, die wir auf Flüchtlingstrecks und nach Bombenregen nicht solche Wesen gesehen haben, die nichts als Verwahrlosung schlechthin sind: Mitleid stirbt, wenn das "Ding an sich" darum bittet.