Von Julius Bab

Immer wieder verfallen Europäer, die in New York landen, in den Irrtum, zu glauben, sie seien in Amerika. Und manche, die nur ein wenig in dieser erstaunlichen Stadt bleiben, reisen sogar wieder ab und denken, sie hätten USA kennengelernt. Kein Amerikaner glaubt das! Sie kommen zwar, wenn es irgend geht, alle einmal, um dies interessante Ungeheuer anzuschauen, sind auch stolz, daß ihr Land eine solche Stadt hervorbringen konnte – aber dann fahren sie wieder nach Texas oder Wisconsin oder Oregon zurück und sagen: "Hurra, jetzt fahren wir wieder nach Amerika!" Denn New York ist in Wahrheit eine ganz schwach mit englischer Sprache übertünchte Riesensiedlung aller Vöker der Erde. Daß es dort eine Chinesen-’ Stadt gibt und im übrigen mehr Juden als je in Palästina gelebt haben, ist ja bekannt. Aber es gibt auch mehr Italiener als in Neapel, mehr Iren als in Dublin. Es gibt eine kleine, kulturell sehr lebhafte französische Kolonie, und eine der Zahl nach weit größere, der kulturellen Aktivität nach weit schwächere Einwohnerschaft deutscher Herkunft. Es gibt Viertel, in denen spanische Kinos spielen – keines englischen Beitextes bedürftig! Und ja, es gibt giechische Kabaretts und Klubs. Und Freunde von mir wohnten einmal in einem Bezirk am Eastriver und klagten, sie könnten sich in keinem Laden verständigen, obwohl sie recht gut Englisch, Deutsch, Französisch, Italienisch sprachen, und auch mit Jiddisch und Spanisch zur Not fertig geworden wären – in ihren Blocks wurde nämlich nur Tschechisch oder Ungarisch gesprachen.

Denn das ist das Wesentliche: die Menschen in New York stammen nicht nur aus vieleri Ländern – sie behalten (und oft auch noch in der zweiten und dritten Generation) Sprachen; Gewohnheiten, Bräuche und besonders Speisen ihrer alten Heimat bei. Wenn also Gäste nach New York kommen – etwa Franzosen oder Griechen – so kommen sie nicht absolut in eine fremde Stadt; es gibt sicherlich einen kleineren oder größeren Kreis, der sie freudig in ihrer Sprache, mit ihren Gerichten, in ihren geselligen Gewohnheiten empfängt. So war es auch, als wir im vergangenen Monat Theatergäste hatten: im Publikum der Athener hörte man erstaunlich viel Griechisch – Neugriechisch natür-HA – sprechen; und bei den Parisern sah man mehr Franzosen, als man in New York vermutet hätte.

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Im übrigen muß man mit künstlerischer Freude und nationalamerikanischem Bedauern sagen: Diese beiden Gastspiele waren weitaus das künstlerisch Belangvollste, was die bisherigen Monate dieser Theatersaison in New York hervorgebracht haben! Das Athenische Nationaltheater Griechenlands spielte altklassische Werke: "Elektra" und "Ödipus" von Sophokles. – Man hat im Rausch der Griechenbegeisterung vor vier Menschenaltern die Gegenwartsgriechen so völlig mit den alten Hellenen identifiziert, daß in der notwendigen Reaktion nun behauptet wurde, die heutigen Bewohner der griechischen Inseln hätten gar nichts mit den Kindern Homers zu tun. Daß das nicht so ganz wahr ist, zeigen uns zuweilen die Gesichter, namentlich der Inselgriechen, wo es nicht selten Frauen gibt, die wahrhaftig aussehen wie Helena, Aber selbst, wenn vom alten Blut nichts übriggeblieben wäre: da ist diese neugriechische Sprache, die in Klang und Geist doch genug vom alten Griechisch bewahrt; da ist der immer noch griechischblaue Himmel und das unendliche Meer, die heute noch ähnliche Menschen bilden müssen wie vor dreitausend Jahren. Und da sind vor allem die Traditionen, in denen die neue Nation lebt, und die an das große Altertum Griechenlands anknüpfen! So wird eine Sophokles-Inszenierung aus Athen am Ende doch mehr Beachtung verdienen als eine, die Kunstfreude in Liverpool oder Upsala bereitet haben. Und was uns hier geboten wurde, schien in der Tat vorbildlich, war ein ausgezeichnet glücklicher Versuch, zwischen dem noch unreproduzierbaren antiken Theater des Kothurns und der Masken (mit Schalltrichter!) und einer Bühnendarstellung moderner Art eine Mitte zu finden. Die Darstellung der Athener war schon dadurch richtig, daß kein Einzeldarsteller (obwohl belangvolle Talente unter dem Personal waren) entscheidend wichtig wurde. Wichtig blieb das Ganze – getragen von einer sehr einfachen, aber starken Musik, die nur in wenigen, ganz zugespitzt dialogischen Momenten völlig schwieg. Sie breitete sich aus in den Gesängen des Chors, die zuweilen in echt kultische Tanzlieder übergingen und immer begleitet waren von einer Mimik, die meisterhaft einheitlich in allen Bewegungen durchgearbeitet war. Zwei Halbchöre faßten den dramatischen Vorgang von beiden Seiten ein und hielten das Ganze in einer Nähe des Sakralen fest, die dieser griechischen Tragödie doch viel sichtbarer eignete als heutigem Theater. Dabei war den Spielern in Mimik und Sprache doch Freiheit genug gegeben, dem heute unabweislichen Bedürfnis nach Menschendarstellung Genüge zu tun. Das stilistische Ganze dieser Darbietungen schien mir eines der schwersten szenischen Probleme besser als jeder andere mir bekannte Versuch zu lösen: die besondere Würde des antiken Theaters zu wahren und seinen dramatischen Kern doch einem neuzeitlich gewohnten Zuschauer fühlbar zu machen.

* Das andere, das französische Gastspiel bot in seinem erstaunlich reichen und wohlgewählten Repertoire beinah alle wesentlichen Formen, die für die Bühne entstanden sind, seit das Drama nach dem tausendjährigen Schlaf des Mittelalters wieder zum Leben erwachte. Die von Jean Louis Barrault und seiner Frau Madeleine Renaud gegründete und geleitete Pariser Truppe spielte so Modernes, wie den von Gide bearbeiteten Kafkaschen "Prozeß" und eine traurige Komödie von Anouilh, daneben aber auch ein Stück perfekten alten Boulevardhandwerks: den berühmt frechen Schwank "Kümmere dich um Amelie" von Feydeau. Die Truppe gab ferner an einem Abend zwei Komödien Molières, und neben der robusten Sicherheit des großen Barockmeisters erschien an einem anderen Abend die spinnwebzarte Rokoko-Komödie Marivaux’s zugleich mit einer Pantomime "Baptiste", die nach Motiven des großen französischen Pantomimen Debureau (1840) für Barrault komponiert wurde. Und dann gab es den "Hamlet" von William Shakespeare! Wirklich beinah die ganze Welt des neueren Theaters war vertreten!

All diese vielverschiedenen Werke waren vorzüglich inszeniert, sich nur gleich darin, daß sie mit hoher Entschiedenheit "Theaterspiel" waren, daß sie niemals den aussichtslosen Versuch machten, "natürlich" zu sein. Kafkas Stück ist ja ohnedies Spuk ganz und gar, und Anouilhs mindestens zur Hälfte. Aber auch der Schwank von Feydeau war im Kostüm der Großväterzeit grotesk. Bei Molière schwebte der Palast des Amphytrion zwischen Wolken und die Pantomime "Baptiste" war vollends freiestes Phantasiespiel jenseits aller Wirklichkeiten. Aber daß wir nun hier in der Welt der Neuzeit leben – vierhundert Jahr, nachdem die Renaissance und Shakespeare den Menschen, das Individuum in seiner entzückenden und gefährlichen Freiheit entdeckt haben, das spiegelte das französische Gastspiel darin ab, daß seine Hauptkraft in der Präsentation eines großen Individuums, eines Schauspielers von höchster Eigenart bestand. Jean Louis Barrault ist ein Bühnenkünstler so hohen Ranges, wie wir heute sehr wenige besitzen. Er hat den elastischen Leib eines Tänzers und den klar französischen Geist eines philosophischen Weltkindes; er hat die volle Lust an den tollen Schelmenstreichen des Molièreschen Scapin und hat die Melancholie, die selbstzerstörende Ironie, die Verzweiflung des Shakespeareschen Hamlets. Er ist der weitaus beste Hamlet, den ich seit den Tagen von Josef Kainz gesehen habe.

Für ältere deutsche Theaterfreunde mag es überhaupt Bedeutung haben, wenn ich sage, daß mich in dem seit seinem Tode vergangenen Menschenalter kein Schauspieler so sehr an Kainz erinnert hat wie Barrault. Da ist die gleiche adlige Beweglichkeit eines schmalen Körpers, die große Lust des Spielers und die geistreiche Schärfe des Ironikers. Und daß, wer es noch nicht wußte, erfahren konnte, daß Jean Louis Barrault auf der heutigen Bühne wirklich ein Genie darstellt, das war wohl der schönste Gewinn dieses französischen Gastspiels in New York.