Zwei mäßige Bände würde Schröders Werk umfassen", schrieb Hugo von Hofmannsthal Mitte der zwanziger Jahre über seinen Freund – und fuhr fort: "den Gehalt aber mißt nicht diese Zeit, sondern eine spätere." Seitdem sind fünfundzwanzig Jahre vergangen. Das Werk Rudolf Alexander Schröders, soweit es vor seinen eigenen Maßstäben besteht (und das ist bei weitem nicht alles, was im Druck von ihm erschien) – dieses Werk umfaßt heute, zum fünfundsiebzigsten Geburtstag des Dichters gesammelt, fünf stattliche Bände von zusammen 6000 Seiten ("Gesammelte Werke in fünf Bänden". Suhrkamp Verlag Frankfurt a.M., Leinen 100,– DM). Obwohl das lyrische Werk immerhin 1176 Seiten ausmacht (also schon weitaus mehr als "zwei mäßige Bände"), so füllt es doch nur den ersten Band der neuen, so herrlich auf Dünndruckpapier dargebotenen Ausgabe. Der vierte Band enthält Schröders Übersetzung der "Ilias" und der "Odyssee", die Hofmannsthal 1912 als den "deutschen Homer von heute" begrüßte – ein "heute", das nun vierzig Jahre währt und gewiß so lange währen wird, als es (wieder mit Hofmannsthals Worten von 1912) bei uns irgendwo "ein Zentrum künstlerisch-sittlichen Strebens inmitten einer allseitig diffusen, ja chaotischen Betätigung" geben wird. Der zweite und der dritte Band jedoch ist Prosa – insgesamt (um auch hier genau zu sein) 2385 Seiten, nicht Roman und nicht Novelle, Sandern Essay, Vortrag, Rede, Kritik und ganz wenig autobiographischer Bericht.

Um diesen äußeren Tatbestand deutbarer zu machen, eine gut verbürgte Anekdote: Bei einem Diner (um 1930) wird Schröder Tischherr eher Dame, die der Hausfrau gegenüber den dringenden Wunsch geäußert hatte, neben dem bewunderen Dichter zu sitzen. Schon bei der Suppe gelingt es ihr, die Frage anzubringen, die ihr so dringlich war: "Sagen Sie bitte, Herr Schröder, welches von Ihren Werken ist Ihnen das liebste?" – und ist sprachlos, als sie die Antwort erhält: "Der Speisesaal der ‚Bremen‘." Sie hatte nicht gewußt, daß der Dichter Schröder auch einen unliterarischen Beruf hatte – den des Innenarchitekten.

Nun wäre es allerdings auch falsch zu sagen, Schröder sei früher "eigentlich" Innenarchitekt in Bremen gewesen und habe nur während seiner Mußezeit gedichtet. So einfach war und ist diese universelle Existenz nicht aufzuteilen, und ebensowenig kann man von dem heute am Chiemsee lebenden Verfasser der "Ballade vom Wandeismann" sagen, er sei nun in erster Linie Schriftsteller und nur "nebenbei" Lektor der Evangelischen Kirche in Bayern (mit dem Recht zu geistlichen Amtshandlungen). Nimmt man noch hinzu, daß Schröder nach seinen Bremer Abitur zunächst in München Musik studiert hat, daß er schon mit zwanzig Jahren Buchgraphiker und Experte in der bibliophilen Kunst war, daß er als Bühnenbildner tätig war und einer der gründlichsten Kenner der niederländischen und flämischen Dichtung wurde, dann ergibt sich, das Bill eines Geistes, mit den verglichen die Altersgenossen Rilke und Thomas Mann, ja selbst Hermann Hesse fast als hochspezialisierte Fachleute zu bezeichnen sind.

Altersgenossen – das Wort ist gefallen. Es erinnert daran, daß das achte Jahrzehnt des neunzehnten Jahrhunderts von ganz einzigartiger Fruchtbarkeit für die deutsche Dichtung gewesen ist. Welches andere Jahrzehnt könnte so viele Namen von solchem Gewicht aufweisen: Barlach (1870), Morgenstern und Heinrich Mann (1871), Mombert (1872), Otto zur Linde und Jakob Wassermann (1873), Hugo von Hofmannsthal und Wilhelm von Scholz (1874), Rilke und Thomas Mann (1875), Else Lasker-Schüler, Theodor Däubler und Gertrud von Le Fort (1876), Hermann Hesse und Rudolf Borchardt (1877) – und dann in Schröders Geburtsjahr 1878 noch Carl Sternheim, Georg Kaiser, Alfred Döblin und Hans Carossa!

Schröder gehörte – die Zusammenstellung läßt es leicht erkennen – von Anfang an zu den "Jüngeren", in dieser goldenen Kette. Als er zwanzigjährig nach München kam, gleich in die Mitgründung einer neuen, von den Prinzipien der Stilwende um 1900 ausgehenden Zeitschrift, der "Insel", verwickelt (der Name selbst stammt von ihm), da leuchtete Hofmannsthals staunenswertes Jugendwerk schon in vollstem Glanz. Der vier Jahre Ältere wurde Schröders Freund fürs Leben.

Wer war dieser Bremer Bürgerssohn und blutjunge Mäzen von 1900? Ein Angeregter zunächst "nur", ein Aufgeschlossener, ein früh Gebildeter – ein Anreger darin selbst, ein Dienender, ein Interpret, ein Vermittler zwischen den Künsten, ein Bescheidener, der auch in dem nur ein Jahr älteren Rudolf Borchardt den ihn weit überragenden Genius verehrte. Nur wenige Gedichte aus der Zeit vor 1914 hielt Schröder jetzt für wert, in die "Ausgabe letzter Hand" aufgenommen zu werden. Aber mit schönstem Stolz stellte er an die Spitze der beiden Bände Prosa, jenen Brief, den er im November 1914 vom "Fort W... an der Nordsee" an Hofmannsthal schrieb und den dieser damals in seiner "Presse" publizierte wegen der "Reinheit, mit welcher er ausspricht, was zahllose Manner und Frauen jetzt fühlen" –: "Mein Lieber", so schloß dieser Brief, "wir wollen uns eins schwören. Die neue Zeit, wenn sie noch eine Zeit für uns sein wird, soll uns als bessere Menschen treffen, als wahrhaftigere, brüderlichere, reinere Geschöpfe. Wir wollen nie mehr blind in den Tag hineinschlendern, nachdem wir nun aufs deutlichste erfahren haben, daß das, was wir Verderben und Tod nennen, nicht an irgendeinem Zielpunkt des Lebens steht, sondern auf jedem Punkt unsere Existenz in konzentrischem Ring umgibt und daß jedes Einzelwesen der ungeheuren Welt dies Schicksal mit uns teilt, und daß nur die selbstvergessenste Liebe eine schwache, schwache Brücke über dies von Anfang an Feindselige, von Anfang an Hoffnungslose zu schlagen vermag."

Ist es ein Irrtum, zu vermuten, daß in jenen Stunden Rudolf Alexander Schröder zum Dichter unserer Tage berufen wurde? Sicher ist: er hat es nie nötig gehabt, den Vorsatz von damals zu erneuern. Er hat ihm nachgelebt wie jener Knecht im evangelischen Gleichnis, der mit seinem Pfunde wucherte. Christian E. Lewalter