Von Harald Laeuen

Im Konferenzsaal der Akademie der Wissenschaften in Moskau herrschte eine nervöse Stimmung. Etwa tausend Teilnehmer hatten sich zu einer vom Wirtschaftsinstitut der Akademie einberufenen Tagung eingefunden. Das Thema: Beratung über Stalins Schrift "ökonomische Probleme des Sozialismus in der UdSSR". Wenn es sich nur darum gehandelt hätte, den "epochalen Charakter" dieses Werkes gebührend hervorzuheben, so hätten sich die Eingeladenen keine besondere Sorge zu machen brauchen. Sie beherrschten den kommunistischen Stil bei Erledigung solcher hohen Pflichten hinreichend. Aber es hatte eine Diskussion in der Öffentlichkeit gegeben, die einen Schatten auf ihre Zusammenkunft warf. Würde der Institutsdirektor darauf eingehen?

K. W. Ostrowitjanow, seit dem Parteitag im Oktober Kandidat des Zentralkomitees der KP, tat es. Seine Rede war eine donnernde Philippika, die der Versammlung nur insofern Erleichterung verschaffte, als er sich persönlich in die Kritik einschloß. Das Institut, so sagte er, ist in der Umstellung seiner Arbeit langsam gewesen. Bei seinen Mitarbeitern sind subjektivistisch idealistische Ansichten zum Vorschein gekommen. Und dann nannte er den Namen, auf den alle warteten: Wosnessenskij, und tat dessenBroschüre über die Kriegswirtschaft in der UdSSR als "antimarxistisch" in Acht und Bann. Seinen Zuhörern aber hielt er vor, daß sie das Machwerk einst gelobt, den Anschauungen des Autors gehuldigt und das Verbrechen begangen hätten, sich unreinen Herzens, das heißt ohne ihren "Fehler" zu beichten, mit Stalins neuer Lehre zu beschäftigen.

Die tausend gedemütigten Köpfe hätten zu ihrer Entschuldigung anführen können, daß niemand sie getadelt hatte, als sie ihre anerkennenden Rezensionen veröffentlichten, daß damals Wosnessenkij stellvertretender Ministerpräsident und Leiter des Planungsamtes war und daß er noch in dem Streit mit Professor Varga über die kapitalistischen Krisen die offizielle, glanzvoll herausgestellte Lehrmeinung verfochten hatte. Logischerweise hätten sich unter die reuigen Sünder auch die Machthaber des Kreml, den Verfasser der "ökonomischen Probleme" nicht ausgenommen, mischen müssen, denn diese mußten sich ebenfalls in einem Irrtum über die Person Wosnessenskij befunden haben. Wer konnte es wagen, solche ketzerischen Gedanken auch nur zu Ende zu denken! Den Wirtschaftswissenschaftlern ging es jetzt wie Fedossejew, dem 1949 abgesetzten Chefredakteur des "Bolschewik", aus dessen Feder unvorsichtigerweise die "Iswestija" kürzlich einige Artikel veröffentlicht hatte. Das hatte zu einer Rüge von Susslow, dem maßgebenden Propagandisten der Partei, in der "Prawda" geführt, und zwar nur aus dem Grunde, weil der Wosnessenskij-Apologet Fedossejew wieder zu schreiben gewagt hatte, ohne sich vorher an die Brust zu schlagen.

Der Vorgang in der Akademie der Wissenschaften spielte sich am 7. Januar ab. Sechs Tage später wurde die sowjetische Öffentlichkeit mit einem viel sensationelleren Ereignis überrascht, mit der Verhaftung der neun Ärzte, die als Agenten des Judentums und der Politiker Amerikas das irdische Dasein verkürzt, dagegen bei offenbar zählebigen Generalen mit der gleichen teuflichen Absicht bisher keinen sichtbaren Erfolg erzielt hätten. Eine "Ärzteverschwörung" gibt es in der Sowjetunion nicht zum erstenmal. 1938 saßen die Professoren Pletnjow und Lewin neben Jagoda, Bucharin, Rykow und anderen auf der Anklagebank und teilten deren Schicksal. Mord an Maxim Gorki und an Parteiführern, wie Ordshonikidse, wurde ihnen zur Last gelegt. Nach Angaben, die Pletnjows ehemalige Assistentin, Frau Magus, vor nicht langer Zeit in einer Pariser russischen Emigrantenzeitung gemacht hat, war der Professor tatsächlich zur Beteiligung an der Beseitigung Ordshonikidses gezwungen worden. Als dunkle Figur im Hintergrunde steht dabei Stalins Privatsekretär Poskrebyschew.

Diesmal sollen die Ärzte auf Weisung des amerikanischen Geheimdienstes gehandelt haben. Aber können die Machthaber eines fremden Landes die Menschen in gleicher Weise unter Druck setzen wie die des eigenen? Wenn die Ärzte wirklich etwas begangen haben, dann hat es Befehlsstelle! gegeben, gegen die kein Widerspruch möglich war. Es liegt nahe, sie bei den Nutznießern des plötzlichen Verscheidens von Schtscherbakow und Shdanow zu suchen, die mit dem Anhang der beiden gründlich aufgeräumt haben. Wosnessenkij könnte davon erzählen und Andrejew, der erst im vergangenen Jahre aus der Parteiführung ausschied. Sie kennen ihren Feind, der Malenkow heißt.

Die Wiederaufrollung des Falles Wosnessenskij führt der Intelligenz – das ist von Zeit zu Zeit anscheinend nötig – ihre geistige Abhängigkeit vor Augen. Nicht ganz durchsichtig ist dagegen, wieso die Malenkow-Gruppe an der Behandlung von Vorgängen interessiert ist, die von ihrem Standpunkt aus besser der Vergessenheit anheimfallen sollten. Es scheinen hier Rücksichten auf die Armeeführung vorzuliegen, die mit dem ihr auf dem Moskauer Parteitag eingeräumten Platz unzufrieden ist und nachträglich die Aufnahme von Marschall Goworow in die Kandidatenliste des ZK erreicht hat. Der Sowjetpatriotismus mit dem Antisemitismus als Begleiterscheinung wird ein gutes Bindemittel zwischen den Managern der Verwaltung und Wirtschaft und den Militärs sein. Auch seine großrussische Färbung nimmt zu. Kennzeichnend dafür ist die Maßregelung in Kasakstan, wo die Akademie der Wissenschaften offenbar nicht genügend ihre Aufgabe begriffen hatte, ein Geschichtsbild zu entwerfen, nach dem die Ostvölker alles den Russen zu verdanken haben.

Malenkow kann auf eine instinktive Abneigung der Militärs gegenüber der Intelligenz reinen. Nur ist die Frage, ob auf dieser Basis nicht die Generalität gegenüber den Zivilisten allmählich in die Vorhand gerät. Die Veränderung mag sich in einem langen Prozeß vollziehen, wenn nicht das Ableben Stalins ihn beschleunigt.