Mein Buch ist nicht mehr als ein Bericht über das, was das Weltgeschehen während der sieben Jahre seit Kriegsende bestätigt hat: daß es ein grundlegender Trugschluß Präsident Roosevelts war, zu glauben, ein Kreuzzug im Bunde mit der Sowjetunion würde oder könnte zu einer Welt des Friedens, der Gerechtigkeit und internationaler Stabilität führen." So schreibt der amerikanische Publizist William H. Chamberlin im Vorwort zur deutschen Ausgabe seines Buches "Amerikas zweiter Kreuzzug" (im Athenäum-Verlag, Bonn). Chamberlin kennt die Sowjetunion aus einer zwölfjährigen Tätigkeit in Moskau als Auslandskorrespondent des Christian Science Monitor; er war vier Jahre im Fernen Osten und lebte längere Zeit vor und nach dem Kriege in Deutschland und Frankreich. In seinem Buch zeichnet er das Bild eines von Ehrgeiz getriebenen Präsidenten Roosevelt, der in der Vorkriegsepoche "wie der römische Gott Janus zwei Gesichter hatte". Dem amerikanischen Volk und der öffentlichen Chronik zeigte er sich als der besorgte Hausvater, dessen Hauptbestreben es ist, das Land aus dem Kriege herauszuhalten, während sein Entschluß, Amerika in einen Krieg gegen Deutschland hineinzuführen, von vornherein feststand. Die Diskrepanz zwischen Roosevelts Worten und seinen Taten rechtfertigt nach Chamberlin in vollem Umfang den beißenden Kommentar von Clare Boothe Luce: "Roosevelt log das amerikanische Volk in den Krieg hinein, weil er es nicht hineinführen konnte."

Von dem Widerruf des Waffenembargos im November 1939 über das Tauschgeschäft mit England (Zerstörer gegen Stützpunkte), die Pacht-Leih-Gesetzgebung, die Besetzung Islands durch amerikanische Truppen im Juli 1941, den Befehl an amerikanische Kriegschiffe, auf in Sicht kommende U-Boote zu schießen, bis zur Bewaffnung von Handelsschiffen und ihrer Entsendung in die Kriegszone führt ein gerader Weg zu dem amerikanischen "Ultimatum" an Japan vom 26. November 1941, das mit Pearl Harbour am 7. Dezember 1941 beantwortet wurde. Die Rolle, die der damalige Kriegsminister Stimson und Außenminister Hull spielten, geht aus Tagebucheintragungen Stimsons hervor, der über die entscheidende Sitzung im Weißen Haus am 25. November schrieb: "Die Frage war, wie wir die Japaner dahin manövrieren sollten, den ersten Schuß abzugeben, ohne daß wir selbst zu große Gefahr liefen." Und am 7. Dezember schreibt Stimson in sein Tagebuch: "Als die erste Meldung kam, daß die Japaner uns angegriffen hätten, war mein erstes Empfinden ein Gefühl der Erleichterung, daß die Unentschiedenheit vorüber und die Krise so eingetreten war, daß sie die ganze Bevölkerung einen würde."

Dem Angriff auf Pearl Harbour folgten die Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens. "Ein Verzicht auf die Kriegserklärung", schreibt Chamberlin, "wäre ein kluger Zug Hitlers gewesen. Die amerikanische öffentliche Meinung hätte dann einen starken Druck zugunsten einer Konzentrierung der Kriegführung auf den Pazifik gehabt. Die deutsche und italienische Kriegserklärung gaben aber der Regierung Roosevelt völlig freie Hand, um die Hauptanstrengung – im Sinne der Anfang 1941 von amerikanischen und englischen Generalstabsoffizieren ausgearbeiteten Pläne – gegen Deutschland zu richten."

Als "Ziele der höchst persönlichen Politik Roosevelts" bezeichnet Chamberlin: Beschwichtigung Stalins um jeden Preis, vollständige militärische, politische und wirtschaftliche Zerschmetterung Deutschlands und Japans, Weiterentwicklung der als Vereinte Nationen bezeichneten militärischen Koalition in eine zur Wahrung des Friedens befähigte Weltvereinigung und "neue Ordnung kolonialer Verhältnisse". Roosevelt erfand seine Politik, Stalin durch "Charme" zu Wohlgeneigtheit und gutem Benehmen zu bringen, unter engster Mitarbeit von Harry Hopkins, der während des Krieges nach dem Präsidenten der mächtigste Mann in Amerika war. Wie der von Hopkins beratene Präsident den russischen Diktator vom Imperialismus abzubringen und zu einer demokratischen Zusammenarbeit zu bekehren hoffte, indem er ohne Einschränkung Stalin alles gab, was er für die Fortsetzung des Krieges verlangte, und auf jegliche Gegenleistung verzichtete, darüber läßt Chamberlin den früheren US-Botschafter William C. Bullit folgendes berichten: Der Botschafter habe einmal auf Wunsch Roosevelts eine Denkschrift ausgearbeitet, in der alles zusammengetragen war, was für den Fehlschlag einer solchen Politik sprach. Sie hätten über dieses Memorandum länger als drei Stunden diskutiert, und dann hätte Roosevelt gesagt: "Bill, ich bestreite die von Ihnen angeführten Tatsachen nicht. Ich bestreite auch die Logik Ihrer Beweisführung nicht. Ich habe aber so eine Ahnung, daß Stalin nicht ein solcher Typ ist. Harry (Hopkins) sagt, er sei es nicht, und er wolle nichts anderes als Sicherheit für sein Land. Wenn ich ihm alles gebe, was ich ihm geben kann, und von ihm nichts dafür verlange, dann – noblesse oblige – glaube ich, daß er keine Annektionen versuchen, sondern mit mir für eine Welt der Demokratie und des Friedens arbeiten wird." Hierzu schreibt Chamberlin: "Also auf eine bloße,Ahnung‘ hin, die sich auf die Aussage eines Mannes stützt, der von russischer Geschichte und kommunistischer Philosophie noch weniger verstand als er selbst, schlug Roosevelt einen Kurs ein, der in einem politischen Bankrott enden mußte."

Casablanca, Teheran und Jalta sind nicht nur die wichtigsten Etappen der Rooseveltschen Politik im Kriege, sie sind gleichzeitig Meilensteine auf dem Wege des körperlichen und geistigen Verfalls des Präsdenten gewesen, den eine sehr hochgestellte Persönlichkeit Chamberlin gegenüber mit folgenden Worten kennzeichnete: "In Casablanca sah der Präsident erschöpft und müde aus, aber sein Geist war frisch. In Teheran gab es Anzeichen von Gedächtnisschwund. In Jalta konnte er weder folgerichtig denken noch sich zusammenhängend ausdrücken." "Wäre Roosevelt imstande gewesen", schreibt Chamberlin an einer anderen Stelle, "etwas von seiner Macht an andere abzutreten, so hätten vielleicht einige der unglückseligen Konsequenzen seiner Behinderung abgewendet oder wenigstens abgemildert werden können. Aber Roosevelt klammerte sich an die Macht mit beiden Händen, die nicht zu halten vermochten, was sie ergriffen. Nach seinem Tode bedurfte es eines eingehenden Aktenstudiums und der Gedächtniserforschung der Beteiligten, um die Vorgänge zu rekonstruieren und herauszufinden, was der Präsident gebilligt hatte und was nicht."

"Amerikas zweiter Kreuzzug", so schließt Chamberlin, "war das Ergebnis von Wahnvorstellungen, die heute bereits bankrott sind... Es war eine Wahnvorstellung, daß eine starke Sowjetunion in einem geschwächten und verarmten Eurasien eine Kraft des Friedens, der Versöhnung, Stabilität und internationaler Zusammenarbeit sein werde. Es war eine Illusion, daß die Gefahr des Totalitarismus und das mit ihm verbundene Böse beseitigt werden könnten, indem man der einen Form des Totalitarismus bedingungslose Unterstützung gegen die andere gab. Es war eine Illusion, daß eine Verbindung von appeasement und persönlichem Charme Eroberungs- und Weltherrschaftspläne zum Verschwinden bringen könnten, die in der russischen Geschichte und kommunistischen Weltanschauung tief verwurzelt sind." E.K.