Man hat der deutschen Presse in den letzten Tagen in angesehenen Zeitungen des Auslandes so viel am Zeuge geflickt, daß wir Verständnis erwarten dürfen, wenn nun auch wir die Berichterstattung im Ausland über Vorgänge in Deutschland kritisch prüfen. Wir möchten uns dabei nur auf ein Blatt beschränken: die New York Times Dies nicht nur deshalb, weil sie eine der renommiertesten Zeitungen der Welt ist und deshalb für ihre Darstellungen eine besonders schwere Verantwortung trägt, sondern auch deswegen, weil sie dafür bekannt ist, daß sie die auf die Integration Westeuropas einschließlich Westdeutschlands gerichtete Politik der amerikanischen Regierung nicht nur billigt, sondern auch unterstützt. Deshalb ist es erstaunlich, daß dieses Blatt nicht selten einer offensichtlich falsch dosierten Berichterstattung über Vorgänge in der Bundesrepublik Raum gibt und dadurch bei ihren Lesern Zweifel an der Richtigkeit eines politischen Kurses hervorruft oder verstärkt, den es sonst billigt.

Das letzte beunruhigende Beispiel war der Bericht über die im Auftrage der amerikanischen Oberkommission durchgeführte Umfrage, durch die man auf die Haltung eines großen Teiles der deutschen Bevölkerung zum Nationalsozialismus schließen zu können glaubte. Schon die Aufmachung des Berichtes täuschte ein alarmierendes Gewicht des Sachverhalts vor, das er weder im Hinblick auf die Fragestellung noch auf die Befragten haben konnte. Es waren nur 1200 Personen befragt worden – diese Zahl verschwieg die New York Times ihren Lesern –, und es hat nicht, wie das Blatt behauptete, die Mehrheit der Befragten mehr Gutes als Böses am Nationalsozialismus wahrhaben wollen, sondern es wurden in bestimmter Absicht gestellte Fragen von vielen so beantwortet, wie das in der Regel der Fall ist, wenn der Befragte den eigentlichen Zweck der Fragestellung nicht begreift. 46 Prozent der Befragten erklärten beispielsweise, es habe ihnen am Nationalsozialismus gefallen, daß man damals leichter einen guten Arbeitsplatz bekommen konnte, 38 Prozent lobten die gute soziale Fürsorge. Das waren die beiden höchsten "positiven" Ziffern. Daraus eine grundsätzliche Zustimmung auch nur dieser befragten 1200 Personen zum Nationalsozialismus ableiten zu wollen, wäre schon ein fragwürdiger Schluß. Noch kühner aber ist es, aus solcher Befragung auf die politische Haltung der Bevölkerung Westdeutschlands zu schließen. Gerade dazu aber verleitet der Bericht der New York Times. Es war in ihm von einem plötzlichen Anwachsen der nazistischen Stimmung die Rede, aber man verschwieg dem Leser, daß ähnliche Befragungen, die in den letzten eineinhalb Jahren mehrmals durchgeführt wurden, jedesmal ungefähr die gleichen vieldeutigen Antworten erbrachten, daß es sich also nicht um eine plötzlich ansteigende Kurve handelte.

Man könnte den Bericht der New York Times für ein Danebengreifen halten. Schließlich ist der politische Irrtum kein Vorrecht der Parlamentarier. Aber hier drängt sich der Eindruck der Befangenheit auf. Schon die Auswahl der Meldungen über Deutschland muß ihn hervorrufen. Gewiß, Deutschland ist heute in der Skala der politisch bedeutungsvollen Länder ganz weit nach hinten gerückt, und es ist verständlich, daß man in der amerikanischen Presse auch von Vorgängen in der Bundesrepublik, die für uns wichtig sind, überhaupt nicht oder nur sehr knapp Kenntnis gibt. Dann aber findet sich auf einmal – und es ist wieder die New York Times – ein Doppelspalter, sogar mit einer Photographie des Herrn Schepmann, unter der Balkenüberschrift, daß dieser ehemalige führende SA-Mann bei den Kommunalwahlen einen Sieg davongetragen habe. Der amerikanische Leser sieht den Schepmann-Balken im Auge des sten, mit dem er sich politisch liieren möchte, aber es wird ihm nur nebenbei zur Kenntnis gebracht, daß sich gerade bei den gleichen Kommunalwahlen die demokratischen Parteien ausgezeichnet, gehalten und daß sie einen überzeugenden Sieg über die winzigen radikalen Splitterparteien einschließlich der Kommunisten davongetragen haben.

Beruht diese hanebüchen übertriebene Proportionierung der auch in Deutschland überwiegend abgelehnten Aufstellung des Herrn Schepmann als Kandidaten für den Gemeinderat und den Kreistag Gifhorn auch wieder auf einer irrtümlich falschen Beurteilung des Tatbestandes oder hat man aus Befangenheit "geirrt"? Wie sagte doch der frühere amerikanische Hochkommissar, der es ja wissen mußte, vor dem Auswärtigen Ausschuß des amerikanischen Senats? Die Berichterstattung eines großen Teiles der amerikanischen Presse über die Bundesrepublik, im besonderen über die nazistischen Tendenzen dort, sei doch sehr einseitig. Und er nannte in diesem Zusammenhang den Namen des Deutschland-Korrespondenten der New York Times Drew Middleton. Wir könnten Mr. Drew Middleton noch mit einer Reihe anderer Beispiele für seine falsch proportionierten Berichte aufwarten. Glaubt er selbst an die von ihm behauptete Größe des Nazi-Gespenstes, dessen erfreulicherweise kümmerliche Rest-Existenz auch von uns nicht in Abrede gestellt wird? Handelt also – das ist die Frage, die interessiert – Drew Middleton im Auftrag oder trägt er eine eigene Brille? Daneben gibt er Darstellungen, deren Objektivität gern anerkannt sei. Robert Strobel