Das innenpolitische Barometer Finnlands zeigt ein neues Sturmtief an: Zwischen den nationalen Kommunisten auf der einen und den orthodoxen Moskauhörigen auf der anderen Seite ist ein offener Kampf ausgebrochen, der zur Sprengung des "Volksdemokratischen Bundes" zu führen droht, einer Organisation, die zur Stärkung der marxistischen Front gebildet wurde.

Der im Jahre 1948 gegründete "Volksdemokratische Bund" ist eine Art Dachorganisation, die die linksradikalen Sozialisten, die sogenannten Einheitssozialisten und die Kommunisten vereinigte. Nach der im gleichen Jahre erfolgten Absetzung des Innenministers Leino schob sich eine von Moskau ins Land geschickte Emigrantengruppe an die Spitze des "Volksdemokratischen Bundes". Die bisherigen führenden finnischen Kommunisten, der Generalsekretär der finnischen KP, Ville Pessi und Hertha Kuusinen, Tochter des berüchtigten Otto Kuusinen, spielten bald nur noch die Rolle von reinen Marionetten.

Die drei Hauptfiguren, die man das"Emigranten-Triumvirat" nennt, sind Türe Lehen, Armas Äikiä und Inkeri Lehtinen. Sie sind sowjetische Staatsbürger, deren vielfache Gesuche um Wiedererlangung ihrer alten finnischen Staatsangehörigkeit immer wieder abgelehnt werden. Alle drei waren während des finnischen Winterfeldzuges Mitglieder der von Otto Kuusinen gebildeten Terijoki-Regierung, deren Schreckensregiment unvergessen ist. Sie können auf eine erfolgreiche sowjetische Karriere zurückblicken. Lehen hatte den Rang eines sowjetischen Generals und galt als Spezialist für Straßenkämpfe, Äikiä war während des Krieges in Moskau als Rundfunkagitator tätig und brachte es bis zum Mitglied des höchsten Rates der Sowjetunion, während Inkeri Lehtinen, die persönliche Rivalin von Hertha Kuusinen, sich der ständig zunehmenden Gunst der sowjetischen Machthaber erfreut.

Das Triumvirat, von den radikalen Gruppen bedingungslos unterstützt, steht in offener Fehde zu einem nicht unerheblichen Teil des ‚ Volksdemokratischen Bundes", der zwar zum Marxismus steht, aber die von Moskau gesteuerte Richtung ablehnt. Dieser rechte Flügel, dem Hertha Kuusinen und der Generalsekretär der finnischen KP Ville Pessi sich angeschlossen haben, tendiert zu einer Art finnischem Nationalkommunismus, der in den Augen Moskaus einer Todsünde gleichkommt. Unterstützung findet dieser Kurs außer bei einer kleineren Gruppe von Kommunisten bei der Mehrheit der "Einheitssozialisten", deren Wortführer der frühere Chefredakteur des sozialdemokratischen Hauptorgans, Eino Kilpi, und der Volksdemokrat Virtanen sind.

Virtanen, während des Krieges noch Sozialdemokrat und im Reichstage als einer der eifrigsten Vorkämpfer der "Friedensopposition" bekannt, ist heute ein einflußreicher Politiker, der bisher mit großer Beflissenheit den Moskauer Parolen folgte. Nun tanzt er plötzlich aus der Reihe und erklärte kürzlich auf einer öffentlichen Kundgebung, daß das Beispiel der volksdemokratischen Länder zeige, wohin die Entwicklung gehe, wenn die nationalen Interessen zugunsten internationaler Macht politisch geopfert würden. Eine Revolution könne in Finnland nur mit friedlichen Mitteln durchgesetzt werden und nicht mit Hilfe der Roten Armee, wie der linke Flügel der Kommunisten es wünsche. Diese offene, unmißverständliche Sprache eines angesehenen Volksdemokraten gab dem Emigrantenflügel und seinen Anhängern das Signal, ihrerseits den Ruf nach einer "Reinigung" laut werden zu lassen. Kategorisch wird die Entfernung’ aller Ungehorsamen verlangt.

Der Chefredakteur des volksdemokratischen Hauptorgans "Vapaa Sana", Raoul Palmgren, einer der ganz wenigen Intellektuellen unter den Linksradikalen, ist im Zuge des verschärften Kurs’ von seinem Posten enthoben. Andere werden bald folgen. Schon wird die Forderung nach sowjetischer Intervention erhoben.

Obwohl der volksdemokratische Block von den 200 Abgeordneten des Reichstages nur 43 stellt und in der Regierung seit 1951 nicht mehr vertreten ist, wird der offene Ausbruch der Krise von den verantwortlichen Männern mit Sorge verfolgt. Denn der Kampf im volksdemokratischen Lager ist mehr als nur eine interne Auseinandersetzung: im Hintergrund erhebt sich der riesige Schatten des mächtigen Nachbarn. Noch aber schweigt Moskau...

Engdahl Thygesen