Rlt., Düsseldorf, Ende Januar.

In einer Gemeinschaftserklärung der eisenschaffenden Industrie, die die Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie e. V., Düsseldorf, herausgab, werden die eisenverarbeitenden Werke recht hart angefaßt. Die Verarbeitung drängt auf Senkung der Eisenpreise, ohne damit bisher wesentlich vorangekommen zu sein. Auch der am vergangenen Freitag vom Bundeswirtschaftsminister verfügte Wegfall der gemeinsamen Preisabsprachen dürfte bei dem vorhandenen Auftragspolster der eisenschaffenden Industrie noch keine wesentliche Änderung im augenblicklichen Preisniveau für Eisen nach sich ziehen. Es gelang jedoch, ein weiteres Ansteigen zu verhindern und in einigen Produkten, darunter Baustahl (wegen der Frostperiode), bei den jüngsten Eisenpreisverhandlungen Ermäßigungen zu erreichen. Das Abbröckeln der Eisenpreise auf den außerdeutschen Märkten, der Einbau von Baisseklauseln im internationalen Geschäft und die recht hohen Eisenimporte nach Deutschland haben sich angesichts der sehr guten Inlandskonjunktur noch nicht ausgewirkt.

Diese Konjunktur drückt sich in erheblichen Auftrags-Neubuchungen aus, die sich seit August 1952 – also seit Freigabe der Eisenpreise – von 650 000 t monatlich auf 935 000 t im Oktober erhöhten und im Dezember und Januar mit je rund 750 000 t nach wie vor sehr hoch liegen. In das neue Jahr ist die Eisenindustrie mit 5,5 Mill. t Auftragsbestand hineingegangen, was einer vollen Beschäftigung von fünf Monaten entspricht.

Angesichts dieser Situation haben Fahrzeugwerke, Schiffswerften, Maschinenfabriken und andere Eisenverbraucher bedeutende Abschlüsse mit westeuropäischen Stahllieferanten, teilweise auch mit Japan, getätigt. Der Wegfall der Einfuhrzölle für Eisen- und Stahlprodukte und die Liberalisierung dieser Importe, die Bundeswirtschaftsminister Erhard zum 1. August zusammen mit der Aufhebung des Festpreissystems verfügt hatte, hat zu sprunghaft ansteigenden Importen "von bisher noch nie gekanntem Ausmaß" geführt. Bis Anfang Januar sind Abschlüsse von mehr als 1 Mill. t im Ausland getätigt worden. Sie begannen im August mit rund 76 000 t, stiegen im September auf 115 000 t, im Oktober auf 154 000 t und dürften sich in etwa dieser Höhe stabilisieren. Rund 60 v. H. dieser Importe waren zunächst Halbzeug und Stabeisen. Neuerdings nehmen Schiffbleche, Karosseriebleche und u. a. Transformatorenbleche den ersten Platz ein. Hauptlieferant ist nach den bisher vorliegenden detaillierten Monatsergebnissen Belgien, Luxemburg und das Saarland. Dabei sind die Preise der belgisch-luxemburgischen Firmen (Stabstahl) von 116 $ je t im August auf etwa 90 $ Mitte Januar gesunken. England liegt mit seinen Eisenpreisen bis zu über 100 DM je t unter den deutschen Eisenpreisen.

Trotz dieser Situation erklärt die eisenschaffende Industrie, daß sich der künftige europäische Eisenpreis nach Eröffnung des Gemeinsamen Marktes ab 10. April, das heißt, nach Beseitigung verschiedener Subventionen in einem Teil der Unions-Länder, in der Nähe des deutschen Preises halten dürfte; denn der deutsche SM-Preis sei dann im Schnitt unter dem Preis der Montan-Union, "so daß sich sogar die Möglichkeit einer gewissen Preiserhöhung ergeben kann".