Pierre Lecomte du Nouy: Der Mensch vor den Grenzen der Wissenschaft. (Gustav Klipper Verlag, Stuttgart, Leinen 13,50 DM.)

Die Krisis, in der der Mensch heute steht, beruht auf der Tatsache, daß sich seine Intelligenz und seine Moral nicht gleichlaufend miteinander entwickelt haben. Die Hegemonie der Intelligenz hat dazu geführt, die Metaphysik nicht aus eigenem Ursprung wachsen zu lassen, sondern sie nur noch als Extrapolation der Wissenschaft gelten zu lassen. Die bekannten Ergebnisse der rationalen Metaphysik haben den großen französischen Forscher Lecomte du Nouy so beunruhigt, daß er sich daran machte, die Fundamente des Gebäudes der modernen Naturwissenschaft daraufhin zu untersuchen, ob ihre Tragfähigkeit tatsächlich ausreichend sei, um auf ihnen eine verantwortliche Metaphysik zu errichten. In seinem Buch unterzieht er die Gegenstände der Naturwissenschaft und ihre Methoden, ihre Theorien und ihre Deutung von diesem Gesichtspunkt aus einer sehr geistreichen Kritik. Insbesondere weist er die Diskrepanz des naturwissenschaftlichen Weltbildes auf, die in der Unvereinbarkeit des zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik mit den Tatsachen des organischen Lebens zu Tage tritt. Es werden die Grenzen der rationalen Wissenschaft abgesteckt, und ihre Unzuständigkeit für die Begründung einer totalen Metaphysik – auf die die Wissenschaften selbst übrigens niemals Anspruch gemacht haben – wird offenbar. Aus dieser nicht mehr zu leugnenden Kenntnis der Grenzen der Wissenschaft ergibt sich für den Forscher als Träger des höchsten wissenschaftlichen Gewissens die unabdingbare Forderung, zu den sittlichen und religiösen Kräften als dem Ursprung der Metaphysik zurückzukehren und sie nicht mehr in einer Extrapolation der Wissenschaft zu suchen. Es ist das tragische Moment der letzten Jahrhunderte, daß die Kirche in ihrer Stellung zur Denkfreiheit versagt und so den modernen Menschen allein gelassen hat. Denn die Freiheit ist die Bestimmung des Menschen. Berthold Lammert