St. Jakob, im Februar Gottfried von Einems zweite Oper "Der Prozeß", nach Franz Kafkas gleichnamigem Roman, wird bei den Salzburger Festspielen 1953 zur Uraufführung kommen. Unser Mitarbeiter hatte Gelegenheit den Komponisten vor seiner Abreise in die USA zu sprechen, wo fer zur Zeit auf Einladung des State Department Kultureinrichtungen studiert.

. Jakob ist ein kleiner Ort bei Salzburg, mit nur wenigen Häusern, einem kleinen Kirchlein am waldumstandenen See und einem vierschrötigen Turm, dem Überbleibsel einer einst großen Schloßanlage. In dem Turm hat Gottfried von Einem sich wohnlich eingerichtet, soweit es das alte Gemäuer zuließ. Im Treppenhaus hallt es gespenstisch, und die Dielen knarren.

Ein "Elfenbein Turm" ist es nicht, wo er lebt, auch kein Wölkenkuckucksheim. Einems Frau, eine Urnichte des Fürsten Bismarck, weiß ihrem yierzu berichten, die sich in der Vorzeit im Turm zu- "° getragen haben. Und zweifellos gehört diese Romantik zum Thema. Zum Thema: Wer ist dieser Komponist, der es wagte, Kafkas Roman in eine Oper zu verwandeln? Auf dem Flügel liegen die Werke des Komponisten in wüster Unordnung. Aus dem Papierberg tauchen die ersten Teile der Oper "Der Prozeß" auf. In diesen Tagen müssen die letzten Korrekturen hinausgehen zum Verlag.

Oskar Fritz Schuh, der Regisseur, der auch diese Oper aus der Taufe heben wird (zusammen mit Karl Böhm, dem Dirigenten, und Caspar Neher, dem Bühnenbildner), sagte einmal, daß es unser Zeitalter der Angst sei, das den Kunstfreund immer wieder der Vergangenheit in die Arme treibt. Die Angst sucht das Gesicherte, das Geprüfte und Beständige. Auch die Komponisten fliehen zurück. Vielleicht darum zieht auch die moderne Opernbühne den historischen Stoff vor. Einem aber will den umgekehrten Weg. Er will die Gegenwart und ihre Probleme auf die Bühne, auf die Musikbühne, stellen und mit einer Musiksprache verschmelzen, die gleichsam "gegenständlich" ist, ohne gerade auf Modernität zu verzichten. Dies ist der künstlerische Grundgedanke, der zur Oper "Der Prozeß" führte. "Man könnte auch sagen", meint der Komponist, "die Angst der Epochehat ihre Wurzeln in der Lieblosigkeit. Und Lieblosigkeit ist die Erbsünde, die Kafka meint, alser Josef K, seinen 1- "" ~ < jj i äßt. Das bedeutet also: Wir alle sind schuldig. Und wenn wir och so heftig unsere Unschuld beteuern. Nun ist der Vorgang des Romans, der im bekannten Schauspiel Andre Gides und Jean Louis Barraults zu einer gewissen Vergröberung der Deutung führte, keineswegs real im Sinne einer gewohnten Opernhandlung. Aber gerade dies", so betont Gottfried von Einem, "muß zur Musik führen. Sie drückt das Irreale oder besser: das Imaginäre des Stoffes aus. Das bedeutet andererseits: am Stoff selbst, wie ihn Kafkas Roman bietet, darf und braucht nichts geändert zu werden. Natürlich sind aus ihm nur einige Stationen ausgewählt. Aber sie markieren genau den Fortgang des Romans. Weiter: Die Dialoge sind wörtlich die Kafkas. Lediglich wurde einige Male die indirekte Rede in die direkte verwandelt. Die Musik tritt also als Verdichtung hinzu; eine Deutung im Sinne einer Änderung oder einer Wendung vom Imaginären ins Reale würde das Werk Kafkas verändern Daraus ergaben sich auch für den Komponisten logische Folgerungen. Der Zusammenhang zwischen den (übrigens neun) Bildern wird durch die Art der Besetzung und gewisse formale, instrumentale und ausdrucksmäßige Entsprechungen hergestellt. Es gibt neben der führenden Tenorpartie des Josef K. (Max Lorenz) zwei weitere Hauptpartien, die durch Zusammenlegen mehrerer Figuren entstanden. Die neue Idee dieser Oper also ist, von der Darstellung der Angst, die seit Schönberg einen großen Teil der modernen Musikproduktion beherrscht, zu ihrer Überwindung vorzustoßen. Nicht, indem sie negiert wird; denn- sie ist eine Tatsache. Sondern inöcm ihre Wurzel bloßgelegt wird; denn die Erkenntnis führt zur Gesundung. Hans Rutz