Der Käufer, der heute den Buchladen betritt, möchte entweder ein Buch wiederkaufen, das er einmal besessen hatte, oder er möchte eine Novität erwerben. Es gibt aber – auch eine dritte, weniger auffallende Gattung von Büchern. Das sind solche, die noch nie in Deutschland erschienen waren, und doch alte Bücher sind. Man sollte an ihnen nicht achtlos vorübergehen – es könnten, wie die folgende Liste zeigt, Perlen darunter sein:

Engine Fromentin: Dominique. Die Geschichte einer Liebe. (Aus dem Französischen von Gertrud Grote. Biederstein Verlag, München, 282 S., Leinen 9,80 DM)

Auf eine Umfrage des "Figaro Litteraire" bei Romanciers und Lesern, welches die zehn wesentlichsten französischen Romane seien, nannten sowohl die Romanciers wie die Leser das bei uns ganz unbekannte Buch Fromentins, des berühmten Kunstschriftstellers. Es war, 1863, seine erste Veröffentlichung und zugleich sein einziger Roman, das Werk, mit dem er sich nach einer unglücklichen Liebeserfahrung freischrieb. André Gide sah in der Gemessenheit, mit der Fromantin den Abstand zu den Ängsten des Daseins fand, sein künstlerisches Vorbild. Er erkannte in ihm den produktiven Melancholiker, den schon Renaissance und Barock (Fromentins spätere Forschungsgebiete) beschrieben haben:

Robert Burton: Schwermut der Liebe (Aus dem Englischen von Peter Gan. 80 zeitgenössische Abbildungen. Manesse Verlag, Zürich, 356 S., Leinen 9,90 DM)

Dieses tiefenpsychologische Meisterwerk von 1821 kannten in Deutschland bisher nicht einmal die Psychologen. Peter Gan hat den bedeutendsten mittleren Teil zum erstenmal für deutsche Leser bearbeitet und geschmeidig übertragen. Es ist die Ausführung der so wunderbar einsichtigen These, daß "Liebe eine Art der Schwermut" sei. Sie findet sich in leicht abgewandelter Form auch in dem Roman eines chinesischen Zeitgenossen von Shakespeare und Burton:

Die Jadelibelle. Roman aus der Ming-Zeit (Aus dem Chinesischen von Franz Kuhn. Manesse Verlag, Zürich, 279 S., Leinen 7,70 DM.)

Der bewundernswerte Übersetzer der großen chinesischen Romanliteratur hat hier ein kleineres, komödienhaftes Werk für die deutsche Sprache gewonnen: Die Legende von dem Bastard eines Edelmanns und einer buddhistischen Nonne, der Kanzler im Reich der Mitte wurde.