"Wir sind geschlagen. Wir wissen, daß wir auch später noch Kraft brauchen und viel Geduld später, wenn die ‚Aktion‘ zu Ende sein wird. Wie das Salz aus dem Boden bringen, wenn das Walser ausgepumpt sein wird? Mit dem Auspumpen hat die Feuerwehr schon begonnen. Aber die Evakuierten wissen, daß viele erst nach Monaten nach Hause zurückkehren können. Gewiß, wir werden Ernten haben. Aber was für Ernten! Nichts Wertvolles wächst, auf dem Boden, der durch Meersalz verdorben ist. Wenn es still wird um die wiederhergestellten Deiche, dann werden wir unsere Armut spüren, dann werden wir Geduld brauchen. Es wird lange dauern, ehe in der Stube die Lampe brennt..."

Am Sonntag war Trauertag. Im ganzen Land wehten die rot-weiß-blauen Fahnen Halbmast, Die Kirchenglocken läuteten in den unversehrten Städten und Dörfern. Südhollands. Viel Schnee war gefallen über Nacht: eine makellos weiße Decke. Kinder bauten Schneemänner an der Straße von Rotterdam. Die Leute strömten zum Gottesdienst.

Da fällt mir ein, daß die Sturmfluten, die man aus der Geschichte kennt, fromme Namen tragen. Die Flut des Jahres 1277, in der der Dollart entstand und 30 Dörfer untergingen, heißt die "Weihnachtsflut". Eine Flut im 14. Jahrhundert, die an die 4000 Menschen verschlang, heißt "Cäcilienflut". Die schlimmste Katastrophe aber, von der in Holland jetzt wieder oft die Rede ist, die Sturmflut des Jahres 1570, heißt "Allerheiligenflut". – "Von Holland bis Jütland", sagt die Chronik, "wurde, alles in einer einzigen Nacht zur wilden Wasserwüste verwandelt. Kein Deich hielt stand, kein Dorf blieb unversehrt, und mehr als 100 000 Menschen fanden ihr Grab in den Wogen." Und von der Flut des Jahres 1717, der "Zweiten Weihnachtsflut", heißt es: "Halbe Häuser, Dächer, Bretter, Schränke, Betten, Vieh, Heu, Menschenleichen – alles schwamm in buntem Gemisch durch die Straßen. Hier hatten Menschen die Dächer der Häuser, dort die Bäume erklettert, manche im bloßen Hemde. Mattigkeit und Kälte schwächten die erstarrten Glieder, bis die Menschen in die Tiefe sanken..."

So, genau so, ist es jetzt in Holland gewesen, bei der Flut, die wahrscheinlich keinen frommen Namen tragen wird. Sicher kann die Technik, die diesmal Viele, Viele gerettet hat, schneller als es je nach einer Sturmflut geschah, beim Aufbau der Deiche und bei der Reinigung des Bodens helfen. Was aber zunächst bevorsteht, sieht in jener Schilderung, der Katastrophe folgendermaßen aus: "Schrecklich war der Anblick des Landes nach dem Abzug des Wassers. Fast überall fand man auf den Feldern Leichen. Hier sah man eine Mutter, die noch im Tode das Kind umklammert hielt; andere staken in verschlammten Gräben ..."

Was Wunderdinge werden doch von Menschen erzählt,-die sich am Vesuv anbauen, obwohl der Vulkan sie schon vertrieb. Hier aber –: Während der Sturmwind noch nicht völlig zur Ruhe gekommen, sagten die Bauern in aller schuldigen Ehrfurcht dem Prinzen Bernhard: ‚Wir bleiben hier, am Deich‘. Und sicher sagten sie ihm auch den Satz: Bei zal best weer in orde kamen ...