"...indem ich dieses gelbe Gewand nehme, um die befreiende Erlösung von allem Leid der Da – seinswanderung zu verwirklichen, bitte ich euch, nehmt mich auf, aus Mitleid bewogen ..." Noch ein zweites und ein drittes Mal wurden diese Worte im klassischen Pali, der kanonischen Textsprache des Buddhismus, von dem kahlhäuptigen, barfüßigen, in weißen Leinen gehüllten Europäer gesprochen. Mit zusammengelegten Fingerspitzen, die Hände vor der Brust emporgehoben, harrte er der Antwort der dreizehn vor ihm sitzenden buddhistischen Mönche. Schweigend neigte der Älteste von ihnen, ein Abt, zustimmend sein Haupt; in gleicher Weise beugten sich die Köpfe der übrigen. Mit gesenktem Kopfe, gemessenen Schrittes ging der Europäer in eine Palmfasermattenhütte und trat nach kurzer Zeit in der gelben, aus Flicken zusammengenähten Mönchsgewandung der heimatlosen Söhne Buddhas wieder hervor. Wieder erschien er vor den drei buddhistischen Theras (Ältestes oder Äbte- und den zehn Bhikkhus (Mönchen), gelobte die Beachtung der Gebote und sprach mit tiefer, klangvoller Stimme: Buddham saranam gachami ...,Dhammam saranam gachami..., Sangham saranam gachami..". Als von ihm ein zweites und drittes Mal dieses "zum Buddha ..., zur Lehre ... und zur Gemeinde nehme ich meine Zuflucht" wiederholt wurde, murmelte die Schar der weißgekleideten Andächtigen die Zufluchtsworte mit. Dann umringten den in Buddhas Mönchsorden aufgenommenen Mann viele ceylonesische und burmesische Bhikkhus, um ihn in das im Schatten der goldenen Shwedagon-Pagode gelegene Kloster zu geleiten. – Einige Tage später war in vielen Zeitungen der Welt zu lesen: "In Rangum (Burma) empfing der erste Europäer die Weihe als buddhistischer Mönch. Es ist ein Deutscher, und sein Ordensname lautet Nyanatiloka (Kenner der drei Welten).

Man schrieb die Jahreszahl 1903, als der fünfundzwanzigjährige, am 12. Februar 1878 in Wiesbaden geborene und um die Jahrhundertwende bekannte Geigenvirtuose Anton Gueth, Buddhist wurde. Für damalige Begriffe eine geistige Verirrung; ja, man sprach von der "schopenhauerischen Verwirrung" eines bedauernswerten Menschen und geachteten Künstlers, der bei Professor Iwan Knorr am Frankfurter und bei Marie Widor am Pariser Konservatorium zu einem vielversprechenden Geiger ausgebildet worden war. Inzwischen sind fünf Jahrzehnte verflossen, und Nyanatiloka, den damals eine Konzertreise durch den Orient bis nach Ceylon und Burma geführt hatte, ist inzwischen durch seine buddhistischen Textübersetzungen bekannt geworden. Zwei Drittel seines fünfundsiebenzigjährigen Lebens war der Ausbreitung, Belehrung und Vertiefung der Worte Buddhas geweiht. Die fünf Dezennien seiner Zugehörigkeit zum Sangha (Orden) sind angefüllt mit interessanten Begegnungen, mit langjährigen Internierungen als "feindlicher Ausländer während zweier Weltkriege, mit Weihen vieler Europäer zu buddhistischen Mönchen und mit Klostergründungen auf Ceylon und – im Abendlande.

Nahezu an der Südspitze der ceylonesischen Großinsel im Indischen Ozean, in der Nähe des Dorfes Dodanduwa und Point de Galle, liegt von Palmen dicht umgeben der Ratgama-See. Mit seinen leicht windbewegten Wellen umplätschert er die Eilande Polgas und Metaduwa, auf denen kleine einräumige Hütten europäischer Buddha-Mönche stehen. Diese Eremitage ist in der ganzen buddhistischen Glaubenswelt bekannt. Sie entstand 1911 durch die großzügige Spende eines französischen Mäzen, der anderthalb Jahre vorher in Lausanne das erste buddhistische Kloster im Abendland hatte bauen lassen.

Im Jahre der Ordination des Mönches Nyanatilokas war in Deutschland, für Europa erstmalig, die "Buddhistische Missionsgesellschaft" gegründet worden. Sie veranstaltete 1906 den ersten abendländischen Buddhisten-Kongreß, wandelte sich später in den "Bund für buddhistisches Leben" um, dessen Ziel es war, die "Einführung der Heilswahrheit und der ethischen Lehren des Buddha im Leben der Europäer zu ermöglichen". Deutsche, französische und italienische Buddhisten beschlossen 1909, ein buddhistisches Kloster in der Schweiz zu errichten. Bei Lugano erwarben sie ein kleines Grundstück, und als Nyanatiloka eintraf – man hatte ihn um Rückkehr nach Europa ersucht – war das Vorhaben bereits durch finanzielle Schwierigkeiten zum Erliegen gekommen. Er aber ließ sich nicht entmutigen, bezog eine einfache Alphütte am Abhang des Montelema in Tessin. Als er aber sah, daß die Neugierde der Feriengäste mehr seiner Person galt und dem buddhistischen Mönchsleben, das er führte, weniger aber seinen Lehrunterweisungen, siedelte Nyanatiloka nach einer Oase bei Gabes (Tunesien) um.

Ein Franzose, namens Bergier, der bereits in der Schweiz seine Bekanntschaft gemacht hatte, bat ihn, nach Lausanne zu kommen, wo er ein kleines buddhistisches Kloster hatte bauen lassen. Buddhas deutscher Mönch kam und wurde wiederum Mittelpunkt dortiger Feriengäste. Hunderte besuchten ihn, aber nur ein einziger – wieder war es ein deutscher (Ernst Stolz) – entschloß sich, gleich Nyanatiloka das gelbe Ordensgewand anzulegen. 1911 wurde diese erste Klosterstätte des Buddhisdus im Abendlande aufgegeben, weil konfessionelle Polemik gegen die beiden europäischen Buddha-Mönche allzu persönlich wurde. Daher hielt es der französische Mäzen für zweckmäßig, daß Nyanatiloka und Vappa (Ernst Stolz) nach Ceylon übersiedelten. Dort hatte er für sie die Polgas- und Metaduwa-Inseln im Ratgama-See erworben. Die Baulichkeiten bestehen aus einem langgestreckten Versammlungshaus mit Eßraum, einräumigen Häuschen, die mit Palmblättern bedeckt sind.

In dieser Weltabgeschiedenheit, die nur vom Rauschen der Palmenwipfeln und dem kaum vernehmbaren Rollen des Indischen Ozeans übertönt wird, empfingen noch fünf weitere Deutsche in den Jahren 1912 und 1913 die Weihen als Bhikkhu. Ihr Einsiedlerleben, auch das der anderen heute dort wohnenden europäischen Mönche, wird mit dem Studium der Lehrreden Buddhas, der Lektüre buddhistischer Kommentare, den Übersetzungen aus dem Pali ins Deutsche oder Englische und durch mehrstündige Meditationen ausgefüllt. Das Leben der mönchischen Bewohner ist äußerst dürftig. Abgesehen von einigen wenigen persönlichen Dingen, besteht ihr ganzer Besitz aus einer Almosenschale für die Nahrung, aus Sandalen, etwas Unterwäsche europäischer Art, zwei goldgelben und zwei braunen großen Tüchern. Die goldgelbe Mönchsgewandung legt man nur bei Feierlichkeiten oder Reisen an.

Der erste und der zweite Weltkrieg zerstörten mit der typischen Formulierung "feindliche Ausländer" das religiöse, friedliche, durchaus unpolitische Leben der Buddha-Mönche deutscher Nationalität. 1915 wurden die deutschen Buddhisten, einige Monate nach Ausbruch des damaligen Krieges, nach einem australischen Internierungslager transportiert, 1939 dagegen nach Dehra-Dun (Indien) gebracht. Während man ihnen vierundzwanzig Jahre vorher den Status von Geistlichen zubilligte und in die Heimat, Deutschland, via Nordamerika zurückreisen ließ, durften sie erst im Frühjahr 1945 nach Beendigung der Kampfhandlungen des zweiten Weltkrieges das Internierungslager verlassen. Allerdings mit dem Vorteil, daß eine Rückkehr nach ihrer ceylonesischen Insel gestattet wurde.

Auch Nyanatiloka, der immerhin als erster und zugleich ältester Europäer das gelbe Gewand eines buddhistischen Mönches trug, außerdem in der buddhistischen Glaubenswelt Asiens eine geachtete, ja verehrte Persönlichkeit war, blieb beide Male nicht von dem Schicksal der Internierung verschont. Seinen 75. Geburtstag am 12. Februar wird der deutsche Buddha-Mönch nicht im Kloster, sondern im Walde von Kandy feiern: einsam wird er Rückschau halten auf ein Leben, das fünfzig Jahre lang dem Buddha, seiner Lehre und seiner Gemeinde geweiht ist. Brahmacari W. Persian