Der Verein der Besserwisser, der von jeher ein scharfes Auge auf mich hat, ist vorstellig geworden, weil meine Aufsätze eine Zeitlang ausgeblieben sind. Es sei ihnen, so machen sie geltend, ein unentbehrlicher Zeitvertreib geworden, in meinen schriftlichen Darlegungen nach ungenauen Angaben und sonstigen Verstößen zu suchen, und nun säßen sie auf dem Trockenen. Auch eine Gruppe halbwüchsiger Mädchen ist über mein Schweigen beunruhigt. Ihre Wortführerin, die recht poetisch mit "Flöckchen" unterzeichnet, teilt mit, daß ihre Schar, die ich mir aus eingewurzeltem Wohlwollen lieblich vorstelle, meine Prosa mehrstimmig nach einer improvisierten Melodie zu singen pflege. Nun fehle es ihr anTexten, und ich solle Auskunft geben, ob mein Verstummen endgültig sei. Eine andere Stimme äußert sich im Rahmen einer feinsinnigen Und von der bei uns nun einmal durch nichts auszurottenden Höflichkeit getragenen Polemik tief befriedigt darüber, daß meine "restaurativen Machwerke, die von dem frischen Wind in der Bundesrepublik so gänzlich unberührt sind", nicht mehr zu finden sind. Schließlich möchte ich noch ein Ehepaar erwähnen, das mir rätselhafterweise beteuert, es gehöre keineswegs dem Einzelhandel an und stehe "diesen Kreisen" auch nicht nahe. Das Paar, das mir mit dieser Bemerkung viel Stoff zu nutzlosem Grübeln gegeben hat, äußert Befriedigung darüber, daß meine "zersetzende Kritik" an den deutschen Zuständen endlich aufgehört habe. Zum Aufbauen lange es bei mir offenbar nicht, und meine Neigung, "das eigene Nest zu beschmutzen", sei auffallend. Diese Neigung, so heißt es in dem Schreiben, teile ich mit dem Wiedehopf. Der Vogel kommt in unserer Gegend nicht vor, doch sagt der Kleine Brockhaus, der ihn auch Upupa oder Rakenvogel nennt, so ungünstiges über ihn aus, daß ich es nicht zu wiederholen wage.

Mein Schweigen, mag es nun Mangelerscheinungen oder Erleichterungen hervorgerufen haben, war indessen nur vorübergehend. Die Erklärung ist einfach, ich war krank. Nun gibt es für die Leserschaft kaum etwas Uninteressanteres als diejenigen Lebensumstände, die sie mit dem Autor gemeinsam hat. Dieser hat ja die Pflicht, immer gewissermaßen in interessanten Umständen zu sein, und auch mir wäre es nie in den Sinn gekommen, den Leser mit dem zu beschäftigen, was ich mit allzu vielen Leuten einige Wochen lang geteilt habe, nämlich mit meiner Grippe. Ich hätte mich damit begnügen können zu sagen, daß ich das Bett gehütet habe. Aber gerade diese Redewendung ist die Ursache meiner, wie ich zugebe, immer noch etwas fieberhaften Gesprächigkeit, jeder kennt das seltsame Erlebnis, daß plötzlich ein Wort uns durch Wiederholung derartig grell ins Bewußtsein tritt, daß es seinen Sinn verliert. Mir ist es einmal vor langen Jahren mit dem Satze "Den Zug wechseln" so gegangen. Ich näherte mich Karlsruhe, mit der Absicht, dort den Zug zu wechseln. Plötzlich zerfiel die Phrase in ihre sämtlichen Bedeutungen, und ich wurde durch diesen schlagartigen Verlust an Unbefangenheit derartig aus meinem ontologischen Sattel geworfen, daß ich beinahe das Umsteigen versäumt hätte.

Genau das gleiche ist mir mit dem Ausdruck "Das Bett hüten" widerfahren. Ja, die Selbstentfremdung, die ich in diesem Zusammenhang erlebt habe, dauert noch an, und "das Sein des Seienden", das mir bisher die vertrauteste aller Vorstellungen war, weht mich immer noch fremdartig an. Ich müsse das Bett hüten, teilte mir der Arzt mit, und als ich mich gezwungen sah, eine Verabredung telegrafisch abzusagen, wählte ich ebenfalls die entschuldigende Wendung, ich müsse das Bett hüten. Seitdem kann ich vom Grübeln über diese an sich so geläufige Wortgruppe nicht loskommen. Nicht, daß sie inhaltlos geworden wäre, im Gegenteil, sie hat einen Bedeutungszuwachs erfahren, der etwas Geniales hat und den als produktiven Vorgang zu bezeichnen ich nicht anstehe. Nun gibt es zweifellos kein besseres Mittel, ein Bett zu hüten, als sich hineinzulegen. Was ihm auch drohe, vor was man es auch hüten könne, man deckt es, wenn man es der Länge nach einnimmt, mit seinem eigenen Leibe. Ist Zerstörung des Bettes durch dritte Mächte zu fürchten, nun, so gibt man eben sein Leben drein, und man geht mit dem Bewußtsein unter, es bis zum letzten gehütet zu haben. Wenn aber der Anschlag nur auf Entwendung des Bettes abzielt, wird man im schlimmsten Fall mitverschleppt. Vielleicht merkt man es nicht sogleich, aber da die Unholde es wohl kaum nur darauf abgesehen haben, das Bett einem Ortswechsel zu unterwerfen, sondern es sich aneignen wollen, so hat der entführte Hüter Gelegenheit, die Sache an Ort und Stelle auszufechten, und es müßte mit dem Teufel zugehen, wenn er sich vertreiben ließe. In Grimms Märchen sind Situationen dieser Art vorgesehen. Die Geschichte "von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen" (sie steckt voll der albernsten Mutproben, sogar ein Nackenguß mit Sardinen kommt vor) berichtet ausdrücklich: "Da rollte das Bett fort, als wären sechs Pferde vorgespannt, über Schwellen und Treppen auf und ab." Der Mann, der darin lag, machte sich nichts aus all dem Holterdiepolter, er hütete eben das Bett.

Der Verlauf meiner an sich nicht sehr dramatischen Krankheit wurde also im wesentlichen durch mein Grübeln über sämtliche Möglichkeiten, das Bett zu hüten, bestimmt. Ich bin ein leidenschaftlicher Bewunderer Thomas Manns und stets von seinen Schriften umgeben. Es ist mir natürlich, jede Krankheit nach den Richtlinien zu erleben, die der mit dem Wesen des Krankseins so unheimlich vertraute Meister vorgezeichnet hat. Vielleicht bin ich etwas zu eifrig, daß ich von jeder leichten Erkältung mit zwei, drei Strich Temperatur bereits eine eigentümliche Steigerung meines Lebensgefühls, einen produktiven Ausnahmezustand erwarte, einen Zustand also, dessen gleichsam seraphische Anrüchigkeit ebenso an den Rausch wie an das Fieber rührt, so daß der Betroffene schließlich nicht mehr weiß, ob er über sich selbst hinausgehoben ist oder hinter seinen Möglichkeiten dumpf zurückbleibt. Immerhin, die Schriften dieses unvergleichlichen Prosaikers haben mich gelehrt, daß es mit der Krankheit seine besondere Bewandtnis habe und daß es nicht abwegig sei, das schöpferische Außersichsein mit der seelischen Radikalität zu vergleichen, die den Fieberkranken überkommt und ihm für kurze Augenblicke etwas Geniales gibt, mit dem er freilich nichts, was der Menschheit frommen könnte, anzufangen weiß. Diese Zusammenhänge haben mich schon immer sehr beschäftigt, und zwar gerade weil mir eine bis ins Banausische gesteigerte psychologische Gesundheit zuteil geworden ist und weil ich, was mein Schaffen angeht, von Ausnahmezuständen nichts zu erhoffen habe, sondern in einem beschämenden Grade auf häuslichen Fleiß, um nicht zu sagen auf Sitzfleisch angewiesen bin. Die Krankheit ist also meine große Chance, und so versäumte ich denn auch diesmal nicht, scharf nach jener halb liederlichen, halb göttlichen Selbststeigerung auszuspähen, die ein aufnahmefreudiger Mensch von der Krankheit erwarten kann.

Der erhoffte Zustand ist leider nie eingetreten, es sei denn, man wolle mein etwas haltloses Grübeln über die Wendung "Das Bett hüten" als eine Ausschweifung bezeichnen, die mein nüchterner Geist sich bei voller körperlicher Wohlfahrt nicht erlaubt hätte. "Genie spendend" möchte ich meine Krankheit auf keinen Fall nennen, schon deshalb nicht, weil im Lichte dieser hochfliegenden Bezeichnung die Genesung fast zum Übel würde. Niemand, der die äußersten Grenzen seiner Möglichkeiten berührt hat, kehrt gerne auf sein Normalmaß zurück. Die "zu Fuß latschende Gesundheit", wie Thomas Mann seinen Teufel sich ausdrücken läßt, wird dann zur schalen Gewohnheit. Und wer unter uns erinnert sich nicht an die erfundenen Krankheiten aus der Schulzeit, die uns in unserem unverdienten Bette über uns selbst hinaushoben, während die anderen im Klassenzimmer den bitteren Alltag kosteten! Nun wohl, meine Grippe war echt und trug alle Merkmale dieser unscheinbaren und doch hintergründigen Krankheit. Ich stand mein biologisches Tief mit Anstand durch, während draußen der begrenzte Taghimmel mit einem nachgerade bedrückenden Schneetreiben ausgefüllt war. Aber Genie wurde mir nicht gespendet, wenn auch meine Dialoge mit dem Arzt manchmal recht bedeutungsschwer waren.

"Seit wann", fragte der genaue Mann, "fühlen Sie Schmerzen im Hinterkopf?""Seit der Erklärung Eisenhowers über Formosa", entgegnete ich.

"Und das Ziehen in den Gelenken hat ungefähr wann begonnen?"