Amerika gilt, gewiß nicht mit Unrecht, als das Land, in dem mehr als sonstwo jeder des anderen Meinung gelten läßt. Nur bei gewissen Lebensfragen sind der Toleranz Grenzen gesetzt, gegenwärtig zum Beispiel bei der kommunistischen Frage. Im letzten Kriege war die Existenz Hitlerdeutschlands ein solch neuralgisches Faktum. Heute, so sollte man meinen, gibt es für die Amerikaner eine deutsche Frage in diesem Sinne nicht mehr. Oder doch?

Auf dem Tisch liegen die drei letzten Nummern einer in New York erscheinenden Zeitschrift. Sie ist in Format und Ausstattung ähnlich wie Life aufgemacht, also recht splendid, heißt Prevent World War III und wird von der gemeinnützigen Society for the Prevention of World War III herausgegeben. Den dritten Weltkrieg verhindern – gewiß ein löbliches und gemeinnütziges Unternehmen. Auch Kennans Eindämmungspolitik hatte diesen Zweck, und Forster Dulles hat keinen anderen. Die New Yorker „Gesellschaft zur Verhinderung des Dritten Weltkrieges“ ist aber der Ansicht, daß das State Department auf dem falschen Wege ist. Sie proklamiert in Hunderten von Varianten den Satz, daß Deutschland die Hauptgefahr für den Frieden bildet – das jetzige Deutschland, die Bundesrepublik!

So unglaublich es klingen mag: hier in der Madison Avenue hat man das Gespenst vom ewigen Friedensstörer Deutschland galvanisiert. Marshall-Plan, Montan-Union, EVG-Vertrag – alles gilt da als Mittel, durch die sich Deutschland stärken wird, um eines Tages im Bunde mit Stalin Hitlers Welteroberungspolitik wieder aufzugreifen! Denn: „Während Westdeutschland immer noch von den Gedanken Haushofers und Hitlers fasziniert ist, sieht Ostdeutschland auf Lenin und Stalin. Aber in beiden Zonen sind die Aspirationen der Vergangenheit das einzige und mächtige Band der Einheit – was auch immer die Sieger planen mögen. Dies ist das wirkliche Deutschland von heute.“

Was auch immer also in Deutschland gesagt und getan wird – es muß a priori in dieses Bild passen. Wenn Theodor Heuss sagt, die Vertriebenen hofften auf Rückkehr in ihre Heimat, so beweist er damit für die Redakteure in der Madison Avenue, daß er ein verstockter Nationalist ist, und Jakob Kaisers Satz „Die Saar ist deutsch“ kann nach dieser New Yorker Auffassung nur von einem verbohrten Imperialisten geäußert werden. „Wenn wir“, sagt das Blatt, das den dritten Weltkrieg verhindern will, „wenn wir nicht in der Saarfrage fest bleiben, öffnen wir wieder einmal die Schleusen für den deutschen Expansionismus, der keine Grenzen kennt.“

Amerika ist, wie wir wissen, ein freies Land. Selbst Gazetten, deren einziger Zweck die Hetze gegen ein Land ist, mit dem die Regierung in Frieden lebt, dürfen nicht genieret werden. Auch mag man wohl erwarten, daß vierzig Seiten Deutschlandhetze eine zu eintönige Lektüre für den amerikanischen Zeitschriftenleser sind, so daß allenfalls die überlebenden Morgenthau-Boys sich an diesen massierten Anwürfen noch aufrichten. Aber das System solcher Anwürfe niedriger zu hängen, ist gleichfalls demokratische Pflicht. Die „Gemeinnützige Gesellschaft“ in der Madison Avenue versorgt die intransigenten Gegner der Deutschlandpolitik des State Department mit Informationen – einen Drew Middleton zum Beispiel, dessen Artikel dann zum Lohn in Fettdruck zitiert werden.

So öde das Blatt ist, so interessant ist die Liste von Mitgliedern des Vorstandes und des Beirats dieser so gemeinschädlichen Gesellschaft. Da finden sich zusammen: Friedrich Wilhelm Foerster, einst radikaler Pazifist, jetzt blinder Hasser, mit Louis Bromfield, dem Verfasser vom „Regen“ und „Mrs. Parkington“, mit Stuart Cloete, dessen Burentreck-Roman in Deutschland viel und gern gelesen wird, mit Lewis Mumford, Ben Hecht – ja, und auch mit Fritz von Unruh, der inzwischen in das von ihm mit solcher Gehässigkeit bedachte Land zurückgekehrt ist und sich bei uns als deutschen Dichter feiern läßt.

Denn mag Deutschland auch vom Teufel besessen sein – Tantiemen und Honorare aus Deutschland verschmäht man darum nicht. C. E. L.