Obwohl im Jahre 1329 bereits ein erster Ausstand – es waren die Gürtler in Breslau – stattgefunden haben soll, ist der Streik doch eine Angelegenheit des Liberalismus und der Demokratie. Da kommt er her, und da gehört er hin, das sollten gerade die Gewerkschaften nicht vergessen. Er läßt sich als ein Mittel des Lohnkampfes, der Teilung des Sozialprodukts, solange verwenden, als ein sogenannter Arbeitsmarkt besteht, der seinerseits wieder einen Warenmarkt voraussetzt. Wird er zum Kampf um die Produktionsmittel selbst benutzt und setzt er sich dabei gar durch, dann entzieht er sich selbst die Basis. Denn die Gesellschaft, die dann allein die Produktionsmittel besitzt, duldet den Streik nicht mehr. Der Streik ist dann sinnlos geworden, weil das Sozialprodukt durch staatliche Anordnung geteilt wird, und den Gewerkschaften bleibt als Aufgabe nur noch die Werbung für die Leistungssteigerung. Das kann man östlich des Eisernen Vorhangs Tag für Tag beobachten.

Über diese Zusammenhänge ist leider in dem kürzlich in einem Gewerkschaftsverlag erschienenen Buch „Der Streik, Taktik und Strategie von Hermann Grote (Bund – Verlag GmbH, Köln) nichts gesagt. Dieses im übrigen ordentlich gearbeitete Buch, das der deutschen Gewerkschaftsbewegung gewidmet ist, begnügt sich vielmehr damit, einmal eine Geschichte des Streiks, zum ardern eine Dienstvorschrift, vielleicht könnte man auch sagen: ein Exerzierreglement des Streiks zu geben. Dabei wird großer Wert darauf gelegt, die Vereinbarkeit des Streiks mit dem Rechtsstaat zu betonen, an der ja auch gar nicht zu zweifeln ist, insofern der Streik als das Mittel der Arbeitnehmer betrachtet wird, die Unternehmer zur Zahlung der höchstmöglichen Löhne zu nötigen. Heute weiß man, daß der Druck der Arbeitnehmer sogar ein Faktor des wirtschaftlichen Fortschrittes ist weil er zur Anwendung verbesserter Produktionsmethoden und zur Rationalisierung zwingt. Hier liegt daher auch die legitime Aufgabe der Gewerkschaften, und hierfür gibt das Buch Grotes seine präzisen Anweisungen. Darunter befindet sich auch die, Streiks nicht in Krisenzeiten, sondern nur in der ansteigenden Konjunktur in Gang zu setzen, weil sie sonst leicht in Niederlagen enden können. Dieser wohlgemeinte Rat deckt sich mit dem Interesse der Gesamtwirtschaft ebenso, wie die ernste Forderung nach Legalität im Streik, die Grote erhebt und für die er genaue Instruktionen erteilt. Gegen diesen legitimen und mit legalen Mitteln geführten Streik sollte kein Wort gesagt werden, besonders auch nicht von den Unternehmern, die verstehen müssen, daß der Arbeiter mit den Lohnforderungen die gleiche Freiheit haben muß, wie der Produzent mit den Preisforderungen: denn die eine Freiheit bedingt die andere.

Wie steht es aber mit dem Generalstreik? Aus dem Buch Grotes erfährt man, daß „der Streik das letzte Mittel, der Generalstreik das allerletzte“ sei. Dabei scheint der Streik ein ökonomisches, der Generalstreik aber ein politisches Kampfmittel zu sein. Denn beim Generalstreik müsse es sich, sagt Grote, „um Tod und Leben

a) eines demokratischen Staates,

b) seiner verteidigungswerten Einrichtungen,

c) der persönlichen Freiheit,

d) der Gewerkschaften,