Carl Orff in der Scala

Mailand, im Februar

Zugleich mit der Uraufführung des „Trionfo di Afrodite“, den Carl Orff ein „szenisches Konzert“ nennt, bot die Mailänder Scala mit der „Carmina burana“ (1936) und der „Catulli carmina“ (1943) die erste zusammenhängende Wiedergabe der drei Stücke, die der Komponist zu einem theatralischen Triptychon „Trionfi“ zusammengeschlossen hat. Eine Art Kompendium des Welttheaters antik-mittelalterlicher Prägung. Seine musikdramatische Verwirklichung stellt dem Musiktheater eine umfassende Regieaufgabe.

Die neue musikdramatische Ordnung, um die es hier geht, resultiert aus dem neuartig erlebten Verhältnis der Sprache zur Musik. Die Entwicklung einer melodisch-rhythmischen Musik (jenseits des Harmonischen) aus der toten Sprache, dem Mönchslatein der Carmina burana, den Dichtungen des Catull, der Sappho und des Euripides (letztere im originalen Altgriechisch) kann bis zu einem gewissen Grad als Überwindung der Philologie durch die Kunst betrachtet werden. Die Kunst – in diesem Falle die Musik – hat das Tote lebendig gemacht. Das ist nicht ganz unwichtig für die theatralische Realisierung der Stücke. Denn so sehr die Sprache gleichsam „entnationalisiert“ ist, so sehr ist sie auch wieder verallgemeinert. Das bewirkt eine Neuordnung der musikdramatischen Elemente, die indirekt auch die Handlung der wenigen solistischen Figuren unterstreicht, verallgemeinert, typisiert.

Orff verlangt eine völlige Neugestaltung des Bühnenraums, eine ständig fluktuierende Gewichtsverteilung zwischen Orchester, Chor und Choreographie. Die Mailänder Aufführung, der Herbert von Karajan als Dirigent und Regisseur vorstand, zeigte sich dieser eminenten Aufgabe nicht gewachsen. Aus der grundsätzlichen Mißdeutung des Werks, es könne auf der Bühne allein angesiedelt werden, auf jener Bühne eben, deren Rampe eine unübersteigbare Grenze darstellt, ergaben sich viele schwerwiegende Fehler. Trotz hervorragender Mittel (der Chor, das von Tatjana Gsovsky geleitete Ballett und die Sänger mit Elisabeth Schwarzkopf an der Spitze) konnte das Publikum um so weniger mit dem Abend anfangen, als der Regie der Mut zur Konsequenz mangelte. In „freundlichen“ Beifall mischte sich offener Widerspruch.

Hans Rutz